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Feldjäger im Kosovo

Veröffentlicht von HD am 14.05.2002

Vertrauen schaffen

Bullis jagen über die Schotterpiste. Die Soldaten gehen anonymen Tipps nach. Sie durchsuchen Häuser nach Waffen. Alltag für die hier stationierte deutsche Militärpolizei (MP).

Der Konvoi nähert sich dem Bergdorf Lubiceva in der Nähe von Prizren, Kosovo. Die deutschen Soldaten sind Hausdurchsuchungen während der Nachtschicht gewöhnt. Die Stimmung ist locker. Kurz vor dem Dorf stoppen die Bundeswehr-Fahrzeuge und löschen die Lichter. Dienstgruppenführer Hauptfeldwebel Markus S. erkundet alleine die Situation im Dorf. Für den Rest seines Trupps Zeit für eine letzte Zigarette vor dem Einsatz. Zu Beginn des NATO-Einsatzes im Kosovo 1999 übernahmen die Feldjäger die Polizeiarbeit im Kosovo: Verkehrskontrollen, Kleinkriminalität, Schwerverbrechen – an allen „Fronten“ sind sie im Einsatz.

 

Abschreckung

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Streife: Feldjäger unterwegs im Kosovo

Die Verbrechensstatistik spricht eine klare Sprache. Dank der systematischen Zusammenarbeit von Militär und Polizei hat sie sich kontinuierlich verbessert. Seit Anfang 2000 unterstützt die MP die Internationale Polizeitruppe UNMIKPOL (United Mission in Kosovo Police), die mehr und mehr zivilpolizeiliche Aufgaben übernimmt, vor allem Verkehrskontrollen und die Bekämpfung der Schwerstkriminalität. Fünf große MP-Stations gibt es im Bereich der Multinationalen Brigade Süd MNB (S). Jede hat, bedingt durch ihre geographische Lage, unterschiedliche Aufgaben.

 

Die lokale Polizei, die „Kosovo Police Service“ (KPS), befindet sich im Aufbau. Die UNMIKPOL übernimmt deren Ausbildung. Die einheimischen Polizisten sind allerdings wegen der Mentalität und ihres Ausbildungsstandes noch weit davon entfernt, den vollen Respekt der Bevölkerung zu erhalten. Die MP genießt einen hervorragenden Ruf, da die Soldaten sich von Beginn des Einsatzes an strikt neutral verhalten haben. Sie gelten als vertrauenswürdig und konsequent. Der Einsatz der Feldjäger im Kosovo ist also noch für längere Zeit nötig.

Die Kompetenzen der Feldjäger ergeben sich aus der Durchsetzung der „KFOR Primacy Missions“. Dies bedeutet konkret: Immer dann, wenn der illegale Besitz von Waffen oder Explosivmitteln vermutet wird, muss im Rahmen der allgemeinen Polizeiunterstützung vorrangig die MP ran. Sie übergibt die ermittelten Täter dann an die örtlichen Polizisten der UNMIK.
Weitere wichtige Aufträge der MP: Sie überwachen die Ausgangssperren und stellen sicher, dass sich die Soldaten und Zivilisten im Einsatzland frei bewegen können. Im Dorf Lubiceva trifft die MP-Truppe am ersten Haus ein. Die Durchsuchung beginnt; die P 8-Pistolen sind fertig geladen am Koppel. Widerstand erwarten die Soldaten nicht. Überrascht steht eine alte Frau mit ihrem kleinen Sohn im Türrahmen. Die Soldaten führen sie freundlich beiseite und beginnen mit der Befragung. Ob noch weitere Personen im Haus seien, wollen sie wissen. Und ob es Waffen im Haus gebe. Die Frau verneint und reagiert gelassen auf den „Ansturm“. Ihr Sohn macht eher einen neugierigen als verängstigten Eindruck. Sorgen brauchen sich die Familien nicht zu machen. Ein Besuch durch serbische Truppen wäre anders abgelaufen – das wissen sie.

Derweil durchsuchen die Soldaten das Haus, forschen nach Hohlräumen im Boden, stöbern in den Kleiderschränken. Doch hier findet sich kein Hinweis auf Waffen, Munition oder andere Beweismittel. Hauptfeldwebel S. bricht die Aktion ab und entschuldigt sich bei der alten Frau. „Kein Problem“, übersetzt der einheimische Sprachmittler ihre Reaktion. Weiter zum nächsten Haus.

 

„Explosive Region“

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Kontrolle: Feldjäger untersuchen ein Fahrzeug

Hoch in den Bergen südlich von Prizren liegt die Kleinstadt Dragas. Hier leben Albaner und Goraner in der „bombenreichsten“ Region des Kosovo. Innerhalb von zweieinhalb Jahren zündeten radikale Einwohner 42 Sprengsätze. Außerdem werden gerade hier, in den südlichen Bergregionen, viele Waffen geschmuggelt. Zusammen mit der KFOR Task-Force, hier vor allem mit den Türken, konnten die deutschen Soldaten der MP-Station schon einige „illegale Grenzgänger“ festnehmen. Gerade während des Mazedonien-Konflikts häuften sich die illegalen Grenzübertritte an der albanischen Grenze.

 

Nur relative Ruhe

Die MP-Station in Orahovac nördlich von Prizren kämpft mit ganz anderen Problemen. In der Stadt leben neben den Albanern mehrere Hundert Serben sowie Sinti und Roma. Sie sind regelmäßig Ziel von Brandanschlägen. Und auch wenn solche Eskalationen hier mittlerweile nachgelassen haben, ist von Entspannung keine Rede. Die Polizeistation ist mit Sandsäcken geschützt, da die Gewalt jederzeit wieder ausbrechen kann. Regelmäßige MP-Patrouillen und die ständige Präsenz der Task-Force geben den Bewohnern eine relative Ruhe. Das größte Problem der Soldaten hier: Sie müssen sich neutral verhalten, um nicht der Bevorteilung einer Seite beschuldigt zu werden.

Die MP durchsucht in Lubiceva mittlerweile das zweite Haus. Diesmal ist eine Großfamilie betroffen. Hauptfeldwebel S. begleitet die Großmutter in den Hof. Soldaten tragen die schlafenden Kinder aus dem Schlafzimmer. Immer wieder wird die Armut der Bevölkerung deutlich. Die ganze Familie schläft auf Matratzen in einem Raum auf dem Boden. Kleine Holzöfen sorgen in den kalten Nächten für Wärme. Die beiden älteren Söhne der Familie holen Decken für ihre kleinen Geschwister. Während die Soldaten in Fleckentarn-Schutzwesten nun wieder jede einzelne Ecke durchsuchen, unterhält sich S. mit der Familie. Nein, beteuert diese, hier gebe es keine Waffen.

 

Willkommene „Ruhestörer“

Der 17-jährige Sohn Besim spricht ein paar Worte Englisch: „Es gibt noch viel zu viele Waffen in der Region“, meint er. Auch bei ihm nicht die leiseste Spur von Ärger über die nächtliche Störung und die hinterlassene Unordnung. „Wir wollen keinen Krieg mehr. Die KFOR-Aktionen sind absolut notwendig.“
In der Polizeistation Prizren haben Hauptfeldwebel Steffen P. und Stabsunteroffizier Mathias G. derweil Schichtende. Die beiden kämpfen in der „SOKO Kleinkriminalität“ vor allem gegen illegalen Waffenbesitz oder illegale Grenzübertritte. In mehr als fünf Monaten haben die beiden über 100 Fälle vor Gericht gebracht. Das Vorgängerkontingent bearbeitete im ersten Halbjahr noch doppelt so viele Fälle. Nun dienen die beiden Feldjäger ihre letzten Tage im Einsatz. Stabsunteroffizier G. hat die Arbeit gefallen: „Das ist was anderes als die Routinekontrollen zu Hause. Die Arbeit ist spannend und abwechslungsreich.“ Trotzdem sei nach fünf Monaten die Luft raus, meint auch Hauptfeldwebel P. Nach anderthalb Jahren Pause ist er schon zum zweiten Mal im Einsatz.

„Viele Feldjäger sind schon durch den normalen Dienst in Deutschland gebunden, deshalb ist der effektive Einsatzrhythmus höher. Das belastet vor allem die Familien.“ Als Berufssoldat muss P. damit rechnen, bald ein drittes Mal in den Auslandseinsatz zu gehen. Das ist für seinen 22-jährigen Stabsunteroffizierkameraden noch nicht absehbar. G. hat sich noch nicht entschieden, ob er verlängert.

 

Andere Lebenseinstellung

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Routine: Feldjäger bei der Fahrzeugkontrolle

Das zusätzliche Geld für den Auslandseinsatz spielt für ihn weniger eine Rolle: „Ich kenne viele, die ihren Sold und die Zulagen dafür geben würden, bei ihrer Freundin oder Familie zu sein“, erzählt er. Was nimmt er aus dem Kosovo mit nach Hause? „Die Menschen haben eine andere Lebenseinstellung, andere Sitten. Nach meinen Erlebnissen hier im Einsatzland bin ich froh, wieder nach Deutschland zurück zu kommen.“ Die beiden machen sich auf die kurze Heimfahrt ins Feldlager Prizren. Im Wagen läuft Radio Andernach. „Ich habe die Grüße meiner Freundin leider nie gehört“, sagt er und denkt an die Heimat. „Noch 17 Tage!“

 

Waffenarsenal im Stahlschrank

In nächster Zeit soll die MP ebenfalls die Ermittlungen im Bereich der Kleinkriminalität an UNMIKPOL und KPS abgeben. In diesen Bereich fällt auch die Registratur, der Aufgabenbereich von Feldwebel Sören R. Die meisten Vorfälle betreffen Diebstahl, Einbruch und illegalen Grenzübertritt. Kapitalverbrechen wie Mord sind sehr selten. Feldwebel R. registriert allerdings auch Waffenfunde. Ein ganzes Arsenal hat er in seinem Stahlschrank eingeschlossen. Vom einfachen Gewehr aus dem Ersten Weltkrieg über moderne Kalaschnikows bis hin zu Sprengstoff und Handgranaten. Das Material wird dem Explosive Ordonance Disposal (EOD) zur Vernichtung übergeben.

Die zweite Hausdurchsuchung in Lubiceva hat wieder nichts ergeben. Hauptfeldwebel S. bricht die nächtliche Aktion nach einer Stunde ohne Ergebnis ab. „Da hat wohl einer seine Nachbarn angeschwärzt“, mutmaßt er. Auch das gibt es im Kosovo. Normalerweise ist jede zweite Hausdurchsuchung ein „Erfolg“. Erfolgreich deswegen, weil die Region wieder ein Stück sicherer geworden ist. Ein persönliches Anliegen von S., der sich mit großem persönlichen Engagement auf die „Jagd“ macht. Trotz der mittlerweile hohen Strafen auf illegalen Waffenbesitz, hohen Geldbußen und bis zu 15 Jahren Haft findet die MP immer wieder solche Relikte des Krieges. Die Menschen sind stolz auf ihre Waffen. Die zehnköpfige Feldjägertruppe fährt zurück nach Prizren. Ihr nächster Auftrag: Ein nächtlicher Checkpoint. Autos sollen nach Waffen durchsucht werden.

Neben den Polizeiaufgaben außerhalb des Lagers ist die Abteilung „Special Operations“ der Feldjäger vor allem für kriminaltechnische Ermittlungen zuständig. Während bei Straftaten im Inland die Polizei die Ermittlungen übernimmt, arbeiten die Feldjäger auf dem Balkan in allen Ermittlungssachen, an denen deutsche Soldaten beteiligt sind, direkt der Staatsanwaltschaft in Deutschland zu. Deshalb kann die Feldjägerkompanie auf eine umfangreiche Spezialausrüstung zur Täterermittlung zurückgreifen. Ob DNA-Spuren oder Fingerabdrücke – die Soldaten können alle Spuren sichern und an ein deutsches Labor weitergeben. Auch im Zuge von Amtshilfeersuchen aus Deutschland kommt die „Kriminalpolizei“ der Feldjäger zum Einsatz. Bisher ermittelte die Abteilung unter anderem bei diversen schweren Diebstählen und drei Gewaltverbrechen. Über Polizeiaufgaben hinaus übernimmt die MP auch die aus Deutschland bekannten Aufgaben wie Fahrzeugkontrollen oder Geschwindigkeitsmessungen. Die Feldjäger sind natürlich auch im Lager für die Ordnung zuständig.Vor allem solche Maßnahmen zur internen Disziplinierung sieht die Truppe, wen wundert´s, nicht gerne.

 

„Für die Truppe“

Und was machen die Soldaten in ihrer knappen Freizeit? Die Sport-und Freizeitmöglichkeiten im Lager könnten besser sein, meinen die Feldjäger. Neben dem Truppenkino, diversen Shops und Imbissbuden locken vor allem die 16 Bars, Bistros und ähnliche Betreuungseinrichtungen. Der Sportplatz existiert nur als Schutthalde. Die wenigen Geräte im Fitnesszelt reichen kaum für die vielen Soldaten. Die immer noch nicht ausgebauten Geröllwege sind zum Joggen ungeeignet. „Hier muss die Bundeswehr noch einiges verbessern“, so die einhellige Meinung nicht nur unter den Feldjägern im Lager Prizren.

Szenenwechsel an den Checkpoint. Die Straßenkontrollen werden nach zwei Stunden abgebrochen. Es ist kalt im Kosovo, die Winterzeit beginnt. Die Ausbeute in dieser Nacht: gering. Waffen haben die Männer nicht gefunden. Ein gutes Zeichen. Das ist auch ein Resultat der starken Präsenz der deutschen Truppe und der guten Polizeiarbeit von UNMIKPOL und den deutschen Feldjägern in den letzten Jahren insgesamt.

 

(Text u. Bilder: Y.Magazin der Bundeswehr, Ausgabe 12/2001, Frank Schuldt)

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