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Freunde und Helfer mit rotem Barret

Veröffentlicht von HD am 16.05.2002

Scharfer Schutz

Die 4900 Feldjäger gehören seit Oktober zur Streitkräftebasis. Der Vorteil: Noch mehr Effizienz durch neue Struktur, vor allem aber neue Aufgaben. Y. hat die Arbeit der Bw-Polizei bei der Routinearbeit im Inland begleitet.

 

„Militärpolizei, Feldwebel P. vom Feldjägerdienstkommando Bremen“, gibt sich Anastasios P. nun zu erkennen. „Wissen Sie, wo sich Ihr Bruder aufhält? Ist er mobil zu erreichen?“ Der Feldjäger erhält die Handynummer. „Wenn Sie mit Daniel sprechen, erinnern Sie ihn bitte an die Folgen seines Handelns. Heute ist er schon zehn Tage eigenmächtig abwesend“, sagt er zu der jungen Frau. „In zwei Wochen hätte er sein Dienstzeitende erreicht, vielleicht muss er nachdienen. Bleibt er weiterhin fern, gilt er als eigenmächtig abwesend und wird dann gegebenenfalls sogar mit Haftbefehl von der Polizei gesucht, auch international“, erklärt er die Konsequenzen. Und weiter: „Neben dem Disziplinararrest droht ihm auch gleichzeitig eine zivile Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.“ Die Belehrung soll den innerfamiliären Druck auf Daniel verstärken, hofft P. „In intakten Familien bewirken mahnende Worte der Eltern oder Geschwister mehr als Paragrafen.“ 

 

Vor Schaden bewahren

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Auf Streife: Feldjäger in Aktion

Die Fahndungsarbeit wird zunehmend moderner, ähnlich wie bei der Kriminalpolizei. „Stückchen für Stückchen sammeln wir bei jeder weiteren Nachforschung Informationen, und meistens haben wir dann Erfolg“, erklärt Feldwebel P. Bis zu 20 abwesende Soldaten sind im Bereich des Feldjägerdienstkommandos Bremen gemeldet. Die Feldjäger unterscheiden dabei zwischen leichten und schweren Fällen. „Die meisten jungen Männer haben Probleme mit der Freundin oder der Familie und sind nach wenigen Tagen wieder in der Einheit. Dafür haben wir dann Verständnis, obwohl wir natürlich die Vorschriften beachten müssen“, erzählt der Feldwebel, „manchmal sind die Vorgesetzten auch zu streng.“ In einem Fall traf die Streife auf den Soldaten mit seinem neugeborenen Sohn. „Freundin im Krankenhaus, Familie in Urlaub, da haben wir natürlich erstmal in der Einheit angerufen und mit dem Vorgesetzten einen Kompromiss erzielt. Wir wollen den Soldaten ja helfen und sie vor größerem Schaden bewahren.“

Wenn die Soldaten über mehrere Wochen abwesend sind, geht es allerdings in den meisten Fällen über einfache Familienprobleme hinaus. Viele sind in kriminelle Geschäfte verwickelt, haben Kontakte zum Drogenmilieu. Deshalb sind Feldjäger auch in Zivil immer bewaffnet unterwegs. Tätliche Angriffe sind zwar selten, passieren aber immer wieder. Permanente Wachsamkeit ist oberstes Gebot. Nachforschungen gehören zu den Hauptaufgaben der Feldjäger im Inland. Ordnungsdienst, Verkehrsdienst und Sicherheitsaufgaben – so definiert sich das Einsatzspektrum. Lag der Schwerpunkt früher noch im Inland, so gewinnt seit den ersten Auslandseinsätzen die Arbeit außerhalb der Landesgrenzen immer mehr an Bedeutung. Mittlerweile ist ein erheblicher Teil des Personals durch Auslandseinsätze gebunden. Darunter leidet natürlich die präventive Arbeit im Inland.

 

Bundeswehr zeigt Präsenz

Szenenwechsel: Bahnhofstreife in Bremen. Es ist Freitag Mittag. Vor allem Marinesoldaten aus Bremerhaven sind auf den Heimweg. Oberfeldwebel Jörn Kruse und Unteroffizier Hanno Lippert beobachten das Geschehen. Mit Kennerblick fischen sie stichprobenartig Soldaten in Zivil und Uniform heraus und kontrollieren die Truppenausweise. „Nach kurzer Zeit gewinnt man einen Blick dafür, wer Soldat ist und wer nicht“, erklärt Kruse die hundertprozentige Trefferquote.

Matrose Christian Wesemann (20) ist auf dem Weg nach Berlin und erstaunt über „seine“ erste Kontrolle. Die Feldjägerstreifen im Bahnhof begrüßt er: „Die Bundeswehr zeigt Präsenz, das ist gut. Feldjäger beeindrucken mehr als Polizisten.“ Einen Gefreiten hat es „erwischt“. Sein neuer Dienstgrad ist im Truppenausweis nicht eingetragen. „Keine Zeit“, entschuldigt er sich. Kruse notiert den Namen. „Am Montag holen sie die Eintragung im Geschäftszimmer nach. Der Dienstgrad muss stimmen, egal ob Gefreiter oder Oberstleutnant. Das macht keinen Unterschied.“

Auf dem Bahnhof schlägt der Streife zum Teil offene Ablehnung entgegen. Eine junge Frau verdreht die Augen und weicht den Soldaten aus. „Das ist leider ganz normal“, kommentiert Lippert, „und zum Teil auch in der Ausrüstung begründet. Die weißen Lederkoppel sehen ein wenig albern aus.“ Die im Auslandseinsatz bewährte schwarze Garnitur mit den bekannten MP-Armbinden ist in Deutschland noch nicht eingeführt. Frühestens 2004 kommt sie in die Truppe. Anders als bei den weißen Pistolenholstern passt in die schwarzen auch die neue Pistole P 8. Durch Nachrüstung wird dieses Manko nun als Übergangslösung mit neuen weißen Holstern ausgeglichen. Kosten: rund 33.000 Euro.

 

Wenn das Personal fehlt

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Protokolldienst: Die Feldjäger stellen Motorrad-Eskorten zur Begleitung hochrangiger Gäste.

Bernd B. ist Einsatzoffizier im Dienstkommando Bremen. Der Hauptmann kämpft täglich mit den personellen Einschränkungen. Knapp 30 Prozent des Personals ist mit der Durchführung oder Vor- und Nachbereitung der Auslandseinsätze beschäftigt. Parallel sind knapp zehn Prozent „seiner“ Feldjäger in Lehrgängen gebunden und weitere im Urlaub. So reduziert sich das aktive Personal immer weiter. Zur Zeit arbeiten drei Gruppen im Schichtdienst: 24 Stunden Dienst, 48 Stunden frei. Das schlaucht, geregelte Schlafzeiten sind nicht einzuhalten, Schlafstörungen normal. Den Soldaten sieht man die Anstrengung an. „Wenn weitere Soldaten in den Einsatz kommandiert werden, haben wir nur noch zwei Schichten zur Verfügung“, befürchtet B. Eine Situation, vor der natürlich alle 34 Dienstkommandos in Deutschland stehen. Die Materiallage leidet ebenfalls darunter. Hauptmann B.: „Unsere guten Fahrzeuge gehen ebenfalls in den Einsatz. Völlig zu Recht, die Soldaten dort brauchen das bessere Material. Allerdings bekommen wir in Deutschland große Probleme.“ Peinlich wird es, wenn beim Gelöbnis, wie in Bremen erlebt, der Kombi nicht anspringt und vor allen Gästen angeschoben werden muss oder ein VW-Bulli trotz der regelmäßigen Wartung auf der Autobahn abbrennt.

Genau wie bei Spezialisten der anderen Truppengattungen lässt sich auch bei den Feldjägern die Pause von zwei Jahren zwischen den Auslandseinsätzen nicht immer einhalten. Grund: einmal mehr die enge Personallage. „Wenn der Mann allerdings fast jedes Jahr im Einsatz ist, ergeben sich zwangsläufig in den Familien große Probleme“, berichtet B. „Meine Soldaten verschieben Hochzeiten, Kinder lernen ihren Vater erst lange nach der Geburt kennen, in den Beziehungen kracht es.“

Doch Verbesserungen sind in Sicht. Ab Mitte 2002 verändern die Feldjäger ihr Kontingentsystem. Bisher stellte ein Bataillon, wie im Heer üblich, das Personal für ein Kontingent. Zukünftig stellt jedes Bataillon dauerhaft Personal ab. So wird die hohe Einzelbelastung in eine erträgliche Dauerbelastung für alle Verbände umgewandelt, und die Dienstkommandos bleiben einsatzbereit.

 

Zuwachs und Neuanschaffungen

Außerdem wächst die Truppe in den nächsten Jahren. Zur Zeit dienen rund 1500 militärpolizeilich ausgebildete Feldjäger, weitere Dienstposten sollen dazukommen. Mit den Laufbahnveränderungen für Unteroffiziere hat die Führung weiterhin einen großen Schritt nach vorne getan. Mit dieser Erhöhung der Dienstpostenstruktur wird mehr Flexibilität bei den Auslandseinsätzen erreicht (siehe servicepunkt). Zukünftig sollen in der neuen Struktur über 2000 Feldwebeldienstgrade ihren Dienst als Feldjäger leisten.

Auch im Fuhrpark tut sich etwas. In diesem Jahr stehen Neuanschaffungen an. Für den VW-Bus T2 kommt das Nachfolgemodell T4. Gleichzeitig sind 80 neue „Wölfe“ und 40 neue Astra im Zulauf, darunter gepanzerte Fahrzeuge für die Personenschützer. „Unser Fuhrpark von über 500 Fahrzeugen wird in den nächsten Jahren kontinuierlich erneuert“, verspricht Oberst Heinrich Erdmann, der „General“ der Feldjäger. „Uns kann es aber nicht besser gehen als dem Rest der Truppe.“

 

Dienst an Schnittstellen

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Raser unerwünscht: Auch wenn Geschwindigkeitsmessungen in der Truppe nicht gern gesehen werden, dienen sie der Verkehrssicherheit.

Nachwuchsmangel herrscht in der Feldjägertruppe nicht. Alle Stellen sind besetzt. Für Oberst Erdmann ein Zeichen für die hohe Attraktivität des Dienstes: „Der Nachwuchs begeistert sich für die Aufgaben des Feldjägers. Wir leisten Dienst an Schnittstellen zwischen Militär und dem zivilen Umfeld, zwischen militärischem Handeln und Polizeiarbeit. Die Feldjäger hatten niemals ,Friedensbetrieb‘, wir haben konkrete Aufgaben.“ Der Anteil an Frauen unter den Bewerbern ist zur Zeit überproportional hoch, denn die Truppengattung hat nach der Öffnung der Streitkräfte für Frauen erhöhten Bedarf an weiblichen Feldjägern, insbesondere bei Anhörungen oder Durchsuchungen.

Nicht nur wegen der anstehenden Veränderungen ist die Stimmung bei den Soldaten trotz der aktuellen Probleme und der vielen Auslandseinsätze in Ordnung. Stabsunteroffizier Stephan V., Streifenbegleiter von Feldwebel P.: „Wir merken, dass etwas passiert. Unsere militärische Führung bemüht sich, es tut sich etwas, und das motiviert. Die Bundeswehr hat erkannt, dass die Feldjäger als Serviceleister für die anderen Soldaten wichtig sind.“ Für viele Soldaten, vor allem Grundwehrdienstleistende, sind die Feldjäger aber immer noch die „Bösen“, die mit grimmiger Miene im Bahnhof nur darauf warten, jemanden wegen fehlender Kopfbedeckung zu melden. Dies liegt nach der Auffassung von Oberst Erdmann zum Teil an den Grundausbildungseinheiten. 

„Die jungen Soldaten erhalten zu wenig Informationen über uns. Die Vorgesetzten nutzen die Feldjäger als Druckmittel, um ein korrektes Auftreten in der Öffentlichkeit zu gewährleisten. Das ist für uns wenig hilfreich“, meint der ranghöchste Feldjäger. Bei Auslandseinsätzen haben sich die Feldjäger dagegen einen Namen gemacht. „Wir genießen überall hohe Anerkennung“, lobt Erdmann, „egal ob in den USA oder im Kosovo.

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Vorurteil: Vorgesetzte nutzen die Feldjäger gerne als Druckmittel zur Wahrung der Disziplin.

Erneuter Szenenwechsel: Hannover Hauptbahnhof, Sonntagabend. Feldwebel P. ist mit Stabsunteroffizier V. auf Zugstreife. Ihr Ziel: der Interregio IR 2330. Jedes Wochenende wird ein Zug kontrolliert, mehr ist wegen des knappen Personals nicht drin. Der Interregio ist gut gefüllt mit Transportsoldaten und Panzergrenadieren aus Schwanewede und Dörverden, darunter auch Abgänger. Erleichtert begrüßt eine junge Schaffnerin die beiden Feldjäger: „Endlich wird auch diese Strecke mal kontrolliert. Gut, dass Sie da sind.“ P. und V. verschaffen sich einen Überblick. Nur wenige Soldaten sind in Uniform unterwegs. Die meisten sitzen lesend oder schlafend ruhig in den einzelnen Abteilen. Nur in drei Großraumabteilen haben sich etwa 20 Abgänger, zumeist in Zivil, versammelt.

 

„Dumme Sprüche“ sind Alltag

Doch die Soldaten verhalten sich ruhig, trinken ihr Bier. Erst als die Feldjäger weitergehen, ertönen Sprüche: „Auf die kann ich verzichten“, gehört da zu den harmloseren. Alltag für V. und P. „Die jungen Leute sehen in uns nur Aufpasser. Kaum jemand weiß, dass er uns bei Problemen jederzeit ansprechen kann“, erklärt P. Und V. ergänzt: „Oft haben wir abends schon Soldaten mit in die Kaserne genommen, weil sie den letzten Zug verpasst haben. Wir informieren dann den Vorgesetzten.“

Auch beim Verlust des Bahnberechtigungsausweises können die Feldjäger mit Ersatzfahrkarten aushelfen. P. betont: „In vielen Bereichen sind wir Dienstleister und Führungsunterstützer, primär keine Kontrolleure.“ Dann unterhalten sich die beiden Feldjäger mit zwei Soldaten. Ein Gefreiter von der Fregatte Bremen hat eine Frage. Erstaunter Kommentar der jungen Männer nach der Unterhaltung: „Die Beiden sind ja wirklich nett.“

Tage später im Feldjägerdienstkommando Bremen. Eine Streife hat Daniel bei seiner Freundin aufgegriffen. Das Motiv erfährt Hauptmann B. im Gespräch: Daniel hatte Streit mit seiner langjährigen Freundin. Nach der Aussprache traute er sich nicht mehr zurück in die Einheit. „Sich freiwillig zu stellen wäre besser gewesen“, kommentiert B. den „Fahndungserfolg“. Nun wird Daniel von seiner Einheit abgeholt. Am Telefonat hat Hauptmann B. persönlich mit dem Kompaniechef über die Konsequenzen für Daniel gesprochen: „Selbst wenn ich Verständnis für die Situation des Soldaten hätte: Zumindest ein erzieherisches Signal sollte von unserer Arbeit ausgehen.“

 

Text u. Bilder: Y.Magazin der Bundeswehr, Ausgabe 02/2002, Frank Schuldt,
mit freundlicher Genehmigung zur Weiterveröffentlichung auf militarypolice.de


 

„Servicepunkt“ des Y.Magazins:

Militärpolizeiliche Aufgaben:

  • Ausbildung:
    Die Feldjäger unterhalten drei Grundausbildungskompanien in Nienburg, Stetten a.k.M. und Schwalmstadt. Nach der allgemeinen Grundausbildung un dem Lehrgang an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst in Sonthofen/Allgäu können Grundwehrdienstleistende die Arbeit der Feldjäger mit der Armbinde „Im Feldjägerdienst“ unterstützen. Es ist geplant, die zentrale Ausbildungsstätte nach Hannover zu verlegen.

  • Laufbahn:
    Nur Feldwebeldienstgrade dürfen eine Streife führen. Das reduzierte bisher die Anzahl der Streifen. Nach den Laufbahnänderungen für Unteroffiziere gibt es zukünftig nur noch Feldwebeldienstgrade. Eine interne Absprache zwischen Heer und SKB verhindert zur Zeit Reibungsverluste in der Übergangsphase: Das Heer „leiht“ vorübergehend unbesetzte Stellen an die Feldjägertruppe aus. So wird der ausgebildete Nachwuchs gesichert.

  • Zusammenarbeit:
    Seit Jahren kooperieren die Feldjäger mit der Polizei. Beispiele sind gemeinsame Schießausbildung, Fahrtraining oder Lehrgänge. Die Offiziere besuchen Lehrgänge an der Führungsakademie der Polizei. Des weiteren werden Fahrzeuge zusammen mit dem BGS angeschafft.

  • Personenschutz:
    Seit Mitte der 80er Jahre schützen die Feldjäger gefährdete, durch die Polizei eingestufte Angehörige der Bundeswehr. Im Ausland überwachen die Soldaten den Befehlshaber im Einsatzland oder hochrangige Gäste.

  • Verkehrsdienst:
    Geschwindigkeitsmessungen in Kasernenbereichen fordert der Kasernenkommandant bei den Feldjägern an. Außerhalb militärischer Liegenschaften führen die Feldjäger eigenständig Kontrollen durch.
    Weitere Aufgaben: Aufnahme von Unfällen, Begleitung von Gefahrgut- oder Schwertransporten.

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