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Stetten am kalten Markt

Veröffentlicht von HD am 10.06.2002

Doch nicht so eisig

Kämpferbahn, Personenschützer, Brandbekämpfer — die Bundeswehr in Stetten am kalten Markt bietet Abwechslung. Y. ging der Legende vom einsamsten Stützpunkt Deutschlands auf den Grund.

In Sichtweite der Alpen, rund 100 Kilometer südlich von Stuttgart, liegt inmitten des Naturparks „Obere Donau“ die Gemeinde Stetten am kalten Markt. An die Wohnhäuser im Norden der Stadt grenzt die Albkaserne mit dem Lager Heuberg, einer ehemaligen Kaserne der französischen Truppen. In direkter Nachbarschaft: der gleichnamige Truppenübungsplatz. Schon aus der Vogelperspektive erkennt man, dass die Kaserne mit dem Truppenübungsplatz größer ist, als die Gemeinde Stetten selbst. Kein Wunder also, dass die meisten Einwohner Kontakt zur Truppe haben. Hier wohnen viele Soldatenfamilien und Angestellte der Bundeswehr.Größter Truppenteil in Stetten ist das Panzergrenadierbataillon 294. „Die Mehrheit unsere Kompanien bildet Rekruten aus, angefangen bei der Grundausbildung bis hin zur Vollausbildung“, erklärt Kommandeur Oberstleutnant Albrecht Katz-Kupke. In diesem Jahr übernimmt das Bataillon einen Teil der Einsatzvorbereitung des sechsten Kontingents KFOR/SFOR: Insgesamt erhalten 3500 Soldaten aller Einheiten der 10. Panzerdivision hier ihre Spezialausbildung. Gleichzeitig ist der Einsatz einer Kompanie der 294er bei ISAF im Gespräch. Keine einfache Aufgabe für die Soldaten, aber Katz-Kupke ist optimistisch: „Wir können die Ausbildung planmäßig durchführen.“

 

Neues Ausbildungskonzept

2002 06 Stetten Ybundeswehr 01-160x114 in Stetten am kalten Markt

Einweisung. Stetten am kalten Markt hat den Soldaten einiges zu bieten.

Seit Januar diesen Jahres gibt es das neue Ausbildungskonzept für die Grundausbildung, die jetzt wieder drei Monate dauert. In der Kompanie von Hauptmann Karsten H., der sechsten Kompanie des Instandsetzungsbataillons 210, absolvieren zur Zeit 120 Soldaten ihren Grundwehrdienst. Im neuen Konzept sieht er große Vorteile: „Die Ausbildungsinhalte werden jetzt dem erweiterten Aufgabenspektrum gerecht. Mit dabei sind Minenschutz, Sebstbefreiung und Pionierdienst. Die Umstellung lief problemlos. Die Vorgaben sind klar.“ Auch Oberleutnant K. lobt das neue Konzept: „In den drei Monaten können sich die Gruppen besser zusammenfinden. Die Ausbilder können die Kameraden intensiver ausbilden, Schwächen erkennen und abstellen. Somit kommen wir unserer Verantwortung besser nach und die Stammeinheiten erhalten besser ausgebildete Soldaten.“

Kompaniespieß Hauptfeldwebel Rainer H. sieht jedoch keinen Zeitgewinn: „Die Arbeit ist die gleiche geblieben. Wenigstens ersparen wir uns einmal den Papierkrieg bei den Einstellungsterminen.“ Inzwischen kann sich Schütze Mario H. kaum vorstellen, wie die Ausbildung früher in nur acht Wochen stattfinden konnte. „Zwei Monate wären ja viel stressiger. So haben wir mehr Zeit, die Kameraden hier im Zug kennen zu lernen.“

Das Instandsetzungsbataillon 210 liegt mit drei von sechs Kompanien und dem Stab in Stetten. Nach bisherigen Plänen des Ministeriums soll das Bataillon im Zuge der Neustrukturierung aufgelöst werden. Konkrete Befehle gibt es noch nicht. „Ich wüsste gerne, was auf mich und meine Männer zukommt“, sagt Oberstabsfeldwebel Richard Z. Er ist Zugführer in der sechsten Kompanie und für die technische Ausbildung der Soldaten zuständig. „Das Personal leidet unter der Unklarheit. Viele Kameraden lassen sich bereits jetzt in andere, sichere Standorte versetzen.“

In den Instandsetzungshallen der Kompanie stehen kleine Gruppen an oliven LKW, schrauben oder lauschen den Erklärungen der Ausbilder. „Ihr sollt genau nach den Vorschriften vorgehen“, ermahnt Obergefreiter Frederic V. seine Auszubildenden. Der 21-Jährige ist als Hilfsausbilder eingesetzt und hat sich nachträglich in die Ausbildungshallen versetzen lassen. Nach der Bundeswehr will er Maschinenbau studieren. „Ich wollte den Wehr?dienst sinnvoll nutzen“, erklärt er. Mit Erfolg, denn die Kenntnisse und Erfahrungen kann er sich für das Studium als Praktikum anerkennen lassen. Der Standort Stetten gefällt ihm, auch „wenn es manchmal sehr kühl ist“. Das liegt am häufig starken Wind. Allgemein ist das Wetter in Stetten dagegen angenehm: Harte Winter sind selten, die Region gehört zu den sonnenreichsten in Deutschland.

 

18 Schießbahnen

In direkter Nachbarschaft der Kaserne, nur von der Ringstraße getrennt, liegt der Truppenübungsplatz Heuberg. Er bietet insgesamt 18 Schießbahnen, darunter acht für Gefechtsübungen und weitere zehn für Spezialausbildungen wie die Einzelkämpfer- oder Sprengausbildung. Der Platz ist ein Beispiel für den idealen Verbund von Stationierung, Ausbildungs- und Schießbetrieb: „Militärisch bietet Stetten beste Voraussetzungen“, erläutert der stellvertretende Kommandant des Übungsplatzes, Hauptmann Wolfgang J. Der Übungsplatz liege direkt vor der Tür und Dank der übernommenen französischen Kasernenanlagen habe er viele Unterkünfte für die übende Truppe. So stehen im Lager Heuberg rund 1500 Betten für externe Truppenteile bereit. Der Platz ist fast immer belegt und wird auch von Sondereinheiten der Polizei, vom Zoll und dem Technischen Hilfswerk genutzt, von Franzosen und Amerikanern. Stolz ist man hier auf die Erfolge im Umweltschutz. Vorzeigeobjekt ist die neue, automatisierte Waschanlage für Panzer und Radfahrzeuge, die auch zur Dekontamination genutzt wird. Sie hat einen geschlossenen Wasserkreislauf mit Frostschutz und wird von Regenwasser gespeist

2002 06 Stetten Ybundeswehr 02-160x114 in Stetten am kalten Markt

Angebot. Stetten am kalten Markt liegt in einer der sonnenreichsten Gegenden Deutschlands.

Stetten am kalten Markt ist der zweitgrößte Standort Baden-Württembergs. Der Truppenübungsplatz und die benachbarte Kaserne wurden im Jahre 1910 für das XIV. Badische Armeekorps errichtet. Nach der Wehrmacht übernahmen die Franzosen 1945 die Kaserne. 1959 zogen die ersten Bundeswehrsoldaten ein. Insgesamt umfassen Kasernenanlagen, Standort- und Truppenübungsplatz etwa 4970 Hektar. Nach dem Abzug der französischen Soldaten und ihrer Angehörigen 1997 haben sich die Rahmenbedingungen für die Bundeswehr geändert. Die Größe der Kasernenanlage hatte sich verdoppelt, es galt, viele Gebäude zu übernehmen und sinnvoll weiter zu nutzen. Aber der Strukturwandel hat funktioniert. Die Infrastruktur wird mit großem Aufwand renoviert und grundsaniert. Doch das dauert, und so wohnen viele Soldaten noch in Gebäuden, denen man das Alter ansieht.

Und wie finden die Grundwehrdienstleistenden ihren Standort? „Die Verkehrsanbindung ist sehr schlecht. Die nächste Autobahn ist 50 Kilometer entfernt“, klagt Schütze Marcus L. Zum Bahnhof im Nachbarort fährt ein Bus nur für die Soldaten. Abends fahren sie dann oft nach Sigmaringen oder Albstadt, denn „in Stetten ist leider nicht viel los“, so L. Der Ausgleich sind die Betreuungseinrichtungen in der Kaserne: Zwei Sportplätze, Sport-, Schwimm- und Fitnesshalle.

 

Bahn der Selbstüberwindung

2002 06 Stetten Ybundeswehr 03 in Stetten am kalten Markt

Bahn der Selbstüberwindung

„Frühes Scheitern erspart weiteres Leiden“ ist das Motto der „Kämpferbahn“, auch „Bahn der Selbstüberwindung“ genannt. Die Anlage in Stetten war die erste in der Bundeswehr, Vorbild waren die französischen „Kommandobahnen“. „Unsere 18 Stationen beanspruchen Teile der Muskulatur, die im normalen Dienst nicht gefordert ist“, erklärt Stabsfeldwebel Jürgen J., Führer der „Kämpferbahn“. „Wenn man fit ist, kann man jede Menge Spaß haben“, sagt Armin R. überzeugt. Mit seinem Kameraden Gefreiter Marco M. führt der 20-jährige Obergefreite täglich Gruppen über die Bahn. „Es kann aber auch leicht zur Qual werden.“ Auf der Bahn wird Sicherheit groß geschrieben. Besonders wichtig ist das am 12 Meter hohen Kletterturm. Insgesamt besteht der Parcours aus mehreren Modulen, darunter Melderbahn, Gewässerübergänge, Seilstege und Wasserröhren. Das sorgt für Abwechslung und fordert die Soldaten. Die Bahn ist jeden Tag belegt.

Während einzelne Einheiten reduziert werden, wächst der Standort in Zukunft insgesamt auf, um die Infrastruktur auszulasten. So ist geplant, die Brandschutzausbildung für hauptamtliches, ziviles Feuerwehrpersonal der Bundeswehr ab Januar 2003 im Rahmen einer Zentralisierung nach Stetten zu verlegen. Bisher findet hier in der V. Inspektion der ABC- und Selbstschutzschule Lehrgruppe B die Ausbildung der Brandschutzsoldaten statt. Heeresflieger, Pioniere oder Soldaten aus Feldlagern besuchen einen Lehrgang, ähnlich den zivilen an den Landesfeuerwehrschulen. 13 Ausbilder kümmern sich hier um jährlich etwa 900 Lehrgangsteilnehmer. Prunkstück der Inspektion ist das „Brandübungshaus“. „Hier können wir beliebige Brände simulieren“, erläutert Inspektionschef Oberstleutnant Jürgen M.

 

Region lebt von der Bundeswehr

Wenige Blöcke weiter biegen drei Zivilfahrzeuge mit quietschenden Reifen um die Ecke und halten abrupt. Zwei Soldaten steigen aus und sichern, während ein dritter einen Zivilisten ins Gebäude führt. Was die neugierigen Blicke der vorbeilaufenden Soldaten auf sich zieht, ist die Ausbildung einer Außenstelle der Feldjägerschule Sonthofen. In Stetten werden die Personenschützer der Feldjägertruppe in Kommandoführer-, VIP-Fahrer- oder speziellen SFOR/KFOR-Lehrgängen ausgebildet. „Seit 1995 ist der Hörsaal nach Stetten ausgelagert und soll zur Inspektion ausgebaut werden“, so Innendienstleiter Hauptfeldwebel Andreas S. Die Stationierung in Stetten hat infrastrukturelle Gründe. „Die Schule in Sonthofen hat nur begrenzte Unterkunftsmöglichkeiten“, erklärt er, „hier haben wir viel Platz und gute Übungsmöglichkeiten.“ Die Feldjäger verfügen über eine Schießbahn und einen Platz für die Fahrerausbildung.

Der Kontakt zwischen den Einwohnern von Stetten und den Soldaten ist sehr gut. Die gesamte Region lebt von der Bundeswehr, große zivile Arbeitgeber sucht man vergebens. Ausdruck der Verbundenheit sind die Patenschaften der Kompanien des Bataillons 294 mit den umliegenden Gemeinden. Egal ob „Fasnet“ oder Umwelttag – die Soldaten sind aktiv dabei. Die Gelöbnisse der Rekruten finden nach Möglichkeit ebenfalls in den Patengemeinden statt. Der Stellenwert der Bundeswehr wird auch am Engagement des Stettener Bürgermeisters Gregor Hipp deutlich. Egal ob Gelöbnis, Begrüßung der Rekruten oder Weihnachtsessen am Heiligen Abend – der 46-Jährige ist mit von der Partie. Denn eines ist allen klar: Ohne die Bundeswehr hätte es Stetten am kalten Markt verdammt schwer.

 

Text u. Bilder: Y.Magazin der Bundeswehr, Ausgabe 06/2002, Frank Schuldt,
mit freundlicher Genehmigung zur Weiterveröffentlichung auf militarypolice.de.

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