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Vollbremsung auf Befehl

Veröffentlicht von HD am 20.10.2002

Prizren – Acht Tote, fünf Schwer- und 51 Leichtverletzte – das ist die erschreckende Anzahl der auf kosovarischen Straßen seit dem 8. Dezember 1999 im Bereich der MNB (S) verunglückten KFOR-Soldaten.

Für Major Peter F. vom Provost-Marshal-Office der Brigade Grund genug, die „Road Safety Campaign“ ins Leben zu rufen. Zu dieser Kampagne zählen die Verteilung von Postern und Handzetteln mit Verkehrssicherheitshinweisen, die Aufklärung über das Gefährdungspotenzial, Kfz- und Verkehrskontrollen sowie Fahrsicherheitstrainings für Militärkraftfahrer.

„Wir wollen, dass sich die Kraftfahrer in ihren Kfz nicht zu sicher fühlen. Sie sollen ihre eigenen Grenzen sowie die ihrer Fahrzeuge erkennen“, sagt F., der im Einsatz als MP-Planungsstabsoffizier arbeitet und in Deutschland Sonderfahrtraining für den Personenschutz leitet.

Nachdem der erste Teil der Kampagne mit dem Verteilen von Handzetteln und Plakaten vor einigen Wochen startete, bieten die Feldjäger seit der vorvergangenen Woche auch Fahrsicherheitstraining an. Es beginnt mit einer theoretischen Einweisung als „Phase der Aufklärung und Sensibilisierung“. In einem kurzen Exkurs werden fahrphysikalische Grundlagen für das Fahren im Grenzbereich vermittelt und Ursachen für die Unfälle aufgezeigt.

Anfang des Monats beteiligen sich zehn Soldaten der Stabs-/ Versorgungskompanie der Brigade am Fahrsicherheitstraining, nachdem bereits der Sanitätseinsatzverband seine Kraftfahrer weiterbilden ließ. Nachgefragt, was sie vom Training erwarten, kommen die gleichen Antworten: „Wir wollen den ‘Wolf’ besser beherrschen und sicherer im Umgang mit dem Fahrzeug werden sowie Grenzsituationen kontrollieren“, sagen die Männer.

Nach dem Mittag geht es mit dem praktischen Teil auf dem Platz vor der „Blauen Residenz“ weiter. Das ist es, worauf die Fahrer gewartet haben. Hauptfeldwebel Andreas K. vom Feldjägerkommando legt zunächst die „Spielregeln“ fest. Um die Sicherheit für alle Fahrer zu gewährleisten, müssen seine Anweisungen exakt befolgt werden. Als Instruktor für Weiterbildungen im Bereich Personenschutz in Deutschland besitzt er die notwendige Kompetenz für diese Ausbildung.

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Deswegen muss geübt werden: Das Umfahren eines Hindernisses hat die Besatzung dieses "Wolfs” nicht geschafft.

Zu zweit in den Fahrzeugen, wird zunächst die Vollbremsung mit und ohne Schneeketten auf festgefahrener Schneedecke geübt. Der Aha-Effekt bleibt nicht aus. „Es lohnt sich, Schneeketten aufzuziehen, auch wenn es unbequem ist und Zeit benötigt”, lautet eine Erkenntnis der Soldaten. Schließlich verringert sich der Bremsweg mit Schneeketten um mehr als die Hälfte.

Als die meisten Teilnehmer die als Endmarkierung aufgestellte Pylonenreihe mit ihrem Fahrzeug ungleichmäßig in der Gegend verteilt haben, geht es zum nächsten Parcours. Anbremsen und Ausweichen hört sich leichter an, als sich auf dem Platz herausstellt. Das Ziel dieser Übung ist es, eine im Notfall getroffene Entscheidung, die sich als unzweckmäßig herausstellt – etwa eine Vollbremsung – zu revidieren und neu zu entscheiden. „Ein Problem bei vielen Unfällen ist die sogenannte Panikstarre, in welcher der Fahrer nach einer Vollbremsung verharrt und den Aufprall erwartet”, erläuterte Peter F. im Theorieteil am Vormittag.

Das Lösen aus dieser passiven Haltung und die Einleitung weiterer Maßnahmen wird an dieser Station geübt. Bei einer Geschwindigkeit von ca. 30 bis 40 km/h erfolgt an der markierten Linie ein kurzer, aber kräftiger Tritt auf die Bremse, um Geschwindigkeit abzubauen. Auskuppeln, Bremse lösen und um das Hindernis herumlenken – das sei der optimale Ablauf, erklärt Andreas K. Dabei zeigt sich, dass am Lenkrad ordentlich gekurbelt werden muss, um nicht aus der Bahn zu geraten. Obergefreiter Carsten Böhm, der privat einen Jeep Cherokee fährt, konstatiert: „Der ‘Wolf’ ist viel träger, außerdem ist mein Jeep sicherer für den Hausgebrauch.” Deutliche Worte, die die Notwendigkeit des Trainings untermauern.

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Auswertung nach dem Training: Hauptfeldwebel Andreas K. bespricht die Tour mit dem Fahrer.

Die Zurückhaltung nach den ersten Versuchen weicht nun der Entschlossenheit, das Mögliche aus den Fahrzeugen und sich selbst herauszuholen. Nicht jeder Fahrer hält sofort perfekt die Spur, auch das Verlassen der Optimallinie mit anschließendem Durchbruch der Pylonengasse gehört zum Lernprozess. Jedem wird deutlich, wie sehr sich zehn km/h mehr auf das Handling der Autos auswirken.

Jeden Durchlauf bespricht Andreas K. mit den Fahrzeuginsassen. Nach einem erneuten Umbau der Teststrecke und weiteren Fahrmanövern sieht er das Ziel der Ausbildung erreicht. Den Teilnehmern hat es nicht nur Spaß gemacht, sie haben dazugelernt – wie weitere Dutzende Soldaten auch, die inzwischen das Angebot der Feldjäger genutzt haben.

 

Text u. Fotos: Jens Richter

Aus der Feldzeitung der Bundeswehr für das Kosovo und Mazedonien ‘Maz & More’, Ausgabe 139 vom 16.01.2002.

Mit freundlicher Genehmigung der MAZ & More-Redaktion.

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