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Wenn die Straßen wie leergefegt sind

Veröffentlicht von HD am 20.10.2002

Seit 1999 nehmen deutsche Feldjäger im Kosovo Polizeiaufgaben wahr. Einen Teil ihrer Verantwortung geben sie jetzt ab.

Auf Nachtstreife mit der MP in Prizren

Gespenstische Ruhe liegt über den Straßen. Wer das Gewimmel von Prizren am Tage erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass die Stadt nachts zur Ruhe kommt. Kein einziges Auto zieht durch die Gassen, kein Mensch bewegt sich außerhalb des Hauses. Hier und da dröhnen UNMIK- oder KFOR-Fahrzeuge in der nächtlichen Stille, sonst sorgen nur die sich jetzt weiter ins Zentrum vorwagenden wilden Hunde für Lärm. Sie suchen in den Müllbergen an den Straßenrändern nach Fressbarem und jagen Hunderte Meter lang den wenigen Autos nach, bis ihnen die Luft aus und die Lust vergeht.

Die Ruhe in Prizren ist angewiesen. Von der Ordnungsmacht im Lande: UNMIK und KFOR. Deshalb hat der Mann, der um kurz vor ein Uhr morgens von einer Patrouille der Task Force (TF) Prizren aufgegriffen wird, ohne wirklich guten Grund auf der Straße nichts zu suchen. In der MP-Station mitten in Prizren machen sich zwei Feldjäger auf, mit einem VW-Bus an die Stelle zu fahren, an der die TF-Soldaten den Mann gestellt haben. Verstöße gegen das nächtliche Ausgangsverbot, so wie er in diesem Fall vorliegt, sind ihre Angelegenheit, Angelegenheit der Military Police (MP), sowie der UNMIK und des Kosovo Police Service (KPS), den drei Polizeikräften in der Krisenprovinz. Der Mann macht ein verzerrtes Gesicht, als Stabsunteroffizier Holger M. und Feldwebel Norbert K. (alle Namen von der Redaktion geändert) am Ort des Geschehens eintreffen. Er habe Schmerzen im Arm, klagt er. Er sei auf dem Weg ins Krankenhaus gewesen, als ihn die Patrouille stellte. Die Feldjäger kennen diese Ausrede zur Genüge. Verstöße gegen das Nachtausgangsverbot werden gern mit dem Gang in die Notaufnahme begründet, berichten die beiden Unteroffiziere.
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Wegen des Überschreitens der nächtlichen Ausgangssperre haben Feldjäger in der Innenstadt von Prizren einen Mann auf die MP-Station gebracht. Zur Durchsuchung und Datenerfassung nehmen sie ihm die Handschellen ab.

Der Mann muss mit zur Station zur Identitätsfeststellung, beschließen sie. Ihm werden Handschellen angelegt, Feldwebel K. setzt sich neben ihn auf den Rücksitz des VW-Busses. In der MP-Station ist alles vorbereitet, um die Daten aufzunehmen. Das ist für die Soldaten der Nachtschicht Routine. An einer der kalten Wände im Flur, von dem neben Dienstzimmern auch drei Räume des Polizei-Gefängnisses zu erreichen sind, sind in 1,60 Meter Höhe große Handumrisse gemalt. Der Abstand zwischen linker und rechter Hand beträgt ein Meter. Auf dem Boden befinden sich die dazu passenden Fußumrisse, ein Meter von der Wand entfernt. Stabsunteroffizier Holger M. nimmt dem Mann die Handschellen ab und bedeutet ihm, Hände und Füße in die vorgesehenen Flächen zu fügen. Die Feldjäger wollen ihn durchsuchen, ehe sie die Daten aufnehmen. Doch der Mann weigert sich, erklärt stattdessen dem Sprachmittler, dass er krank sei, was Medikamente bewiesen, die er dabei habe. Er zeigt ein Arzneimittel vor, das den Feldjägern unbekannt ist. Schichtleiter Hauptfeldwebel Thomas L. lässt sich überzeugen und sieht von der Durchsuchung ab. „Wenn der tatsächlich krank ist und hier umkippt, haben wir ein Problem“, begründet er. Nach der Aufnahme der Personalien fahren Holger M. und Norbert K. den Mann in eine Ambulanz. Arzt und Personal sehen nicht gerade begeistert aus, als die KFOR-Soldaten den nächtlichen Problemfall in der Station zur Untersuchung abliefern.

Der Feldjägerdienst beschränkt sich in dieser Nacht auf das Kontrollieren des Curfew – die Ausgangssperre. Mit ihren Fahrzeugen patrouillieren die Männer durch Prizren – ein präventiver Dienst, der genauso zur Arbeit gehört wie Hausdurchsuchungen oder Ermittlungen in Kriminalfällen zusammen mit UNMIK und KPS.

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Multinationale Polizeitruppe: Feldjäger vor der MP-Station im Gespräch mit UNMIK- und KPS-Beamten.

Einige Stunden zuvor: An der Straße von Prizren Richtung Orahovac richtet die MP einen Checkpoint ein. Aus den Bundeswehr-Fahrzeugen werden Bodenhindernisleuchten,ein Warnhinweisschild und Stableuchten sowie Strahler geräumt. Binnen zehn Minuten ist die Szenerie ausgeleuchtet, und es kann los gehen. Zwei jordanische UNMIK-Polizisten sowie Beamteder KPS begleiten die Aktion.

Die nächtlichen Temperaturen sind angenehm, doch die Jordanier frösteln. Einer von ihnen setzt sich in die Coke-Dose, wie die UNMIK-Wagen wegen ihres rot-weißen Anstrichs scherzhaft genannt werden. Auch wenn die Anwesenheit der Jordanier exotisch anmuten mag, sie sind es in der UN-Truppe nicht. Die Feldjäger arbeiten in der Station neben türkischer MP mit Polizisten aus aller Herren Länder zusammen. Dazu zählen neben Jordaniern Amerikaner, Kanadier, Ägypter, Ghanaer, Nigerianer, Nepalesen, Malaysier, Inder und Filipino. „Das klappt meist sehr gut“, lobt Station-Commander Hauptmann Sascha K. die internationale Zusammenarbeit.

Die Feldjäger machen ihren Checkpoint-Job professionell. Dutzendfach haben sie in diesem Einsatz Fahrzeug- und Personenkontrollen vorgenommen, die Anweisungen an die Kfz-Insassen sind geübt. Doch während sie bis vor wenigen Wochen noch selbst die Personen- und Fahrzeugdaten aufnahmen, erledigt diese Arbeit inzwischen ein kosovarischer Polizist. Er hat im VW-Bus der Feldjäger Platz genommen, sichtet die Papiere und entscheidet, ob die Personen aus den gestoppten Pkw ihre Fahrt fortsetzen können. Die jordanischen Polizisten halten sich auffälligzurück. Sie beobachten das Treiben aus gebührlichem Abstand. „Ein Schritt zur Normalität“, sagt Sascha K. Nach und nach, erklärt er, übergeben wir der UNMIK und der einheimischen Polizei die Aufgaben, die bislang in unseren Händen lagen. Das bedeutet den Teilrückzug der KFOR aus der Polizeiarbeit – so wie es im „Memorandum of Understanding“, einer Vereinbarung zwischen der Friedenstruppe und der UNMIK, vorgesehen ist, und wie es Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping in der vergangenen Woche im Zusammenhang mit der Reduzierung der Balkantruppen gefordert hat. Ab Sommer zieht sich zudem die UN-Truppe aus der direkten Polizeiarbeit zurück. Sie wird den Job der KPS nur noch beobachten und begleiten.

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Nichts zu beanstanden: Feldjäger kontrollieren die Waffenkarte eines Mannes, der eine Pistole dabei hat.

Am Checkpoint findet sich „das Übliche“. Manche Fahrer haben keine Papiere dabei, manche fahren Autos mit profillosen Reifen und manche wagen sich mit „Rostlauben“ auf die Straße, die aufgrund ihrer nach deutschen Verhältnissen beschränkten Verkehrstauglichkeit eine echte Unfallgefahr darstellen. Doch einen Kfz-TÜV gibt es im Kosovo nicht, und das Fahren ohne Papiere sieht der KPS-Beamte auch nicht so eng. Alle gestoppten Personen, die durchweg Verständnis für die Kontrolle signalisieren, können ihre Fahrt fortsetzen. Interessant für die Soldaten ist indes ein in schwarz gekleideter Mann, der mit einem getunten Opel Manta vorfährt. In seinem Hosenbund unter der Lederjacke blitzt im Scheinwerferlicht eine silberne Pistole hervor. Hauptfeldwebel Thomas L. kann schnell Entwarnung geben. Der Mann zeigt eine Weapon Access Card vor, die ihn zum Tragen der Waffe berechtigt. Wäre die Pistole illegal in seinem Besitz, würde sie von der MP beschlagnahmt und bis zur Vernichtung in einem Panzerschrank verstaut. Dieser steht in einem Raum in der Station und gibt Einblick in das kosovarische Waffenarsenal: Kalaschnikow, Pumpguns, Karabiner mit Bajonett, selbst Gewehre mit Schalldämpfer Marke Eigenbau sind dabei.

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Einblick in das kosovarische Waffenarsenal: In der MP-Station werden beschlagnahmte Gewehre aufbewahrt.

Kfz- und Personendurchsuchungen können gefährlich wie unappetitlich sein. Auch wenn ihre Zahl im Vergleich zu den ersten Einsatzjahren deutlich abgenommen hat, stellt die MP noch immer Waffen und Munition sicher. Unglaublich klingt freilich ein Fall, von dem Oberfeldwebel Maik N. berichtet. Im einem Golf II fand er mehrere frisch geschlachtete und geteilte Schafe. Am Boden des Kofferraums schwappte das Blut, das noch aus den Körperhälften der Tiere rann. Der Mann habe erklärt, er sei Metzger und auf dem Weg von seinem Hof ins Geschäft in der Stadt, erinnert sich Maik N. Vom eingehenden Durchsuchen des Wagens habe er damals bereitwillig abgesehen, sagt er.

In der MP-Station zurück, berichtet ein einheimischer Polizist von einem Munitionsfund in Atmaxha, ein Dorf nahe Prizen. Zwei Feldjäger machen sich mit dem KPS-Beamten und Sprachmittler zum Fundort auf. Die Fahrt führt an Atmaxha vorbei bis kurz vor ein Feld. Am Rande des Weges befindet sich eine Unmenge Müll. Den Feldjägern ist die Situation nicht geheuer, mit Taschenlampen und Strahler beleuchten sie den Boden auf der Suche nach Minen und Blindgängern, ehe sie sich vom Wagen entfernen. Der KPS-Polizist springt zielbewusst zu einem Erdwall und zeigt auf einen metallenen, verrosteten Gegenstand. Bedächtig nähern sich die Feldjäger, noch mehr sensibilisiert für die Lage, nachdem ihnen der Mann eben berichtete, voraus sei ein Minenfeld, dahinter eine Bunkerstellung der jugoslawischen Armee gewesen. Am Erdwall liegt ein etwa 20 Zentimeter langer Metallgegenstand von etwa zehn Zentimeter Umfang. Die MP identifiziert ihn als Geschosskopf. Über Funk wird der Fund an die Station gemeldet, die sich mit der EOD-Leitstelle in Verbindung setzt. 20 Minuten später erfolgt die Anweisung, die Fundstelle zu kennzeichnen. Die Beseitigung des UXO wird morgen vorgenommen.

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Lkw werden gründlich kontrolliert. Dazu klettern die Feldjäger selbst auf die Ladefläche - ein beliebtes Waffenversteck.

Als die Männer nach Prizren zurückkommen, zeigt die Uhr eine halbe Stunde vor Mitternacht. Auf den Straßen fahren noch wenige Fahrzeuge, die letzten Gäste verlassen die Lokale und eilen nach Hause. Sie wissen, dass die MP kontrolliert und bei Curfew-Überschreitungen durchgreift. „Sie haben Respekt vor uns“, sagt Sascha K. Das muss nicht verwundern, die Männer mit der schwarzen MP-Armbinde sind die „älteste“ Ordnungsmacht im neuen Kosovo. Sie sprangen nach dem Einmarsch der NATO im Juni 1999 für die im Aufbau befindliche UNMIK-Polizei in die Bresche und dämmten im Nachkriegschaos von Prizren zusammen mit dem Einsatzbataillon zuerst Selbstjustiz und Faustrecht ein. Die MP etablierte sich als anerkannte Ordnungstruppe. Doch diese Zeit neigt sich dem Ende zu. Demnächst beschränkt sich die MP auf die ihr in der UN-Resolution 1244 zugedachte Rolle, wird aber nach wie vor Polizeiaufgaben zusammen mit UNMIK und KPS erledigen. Der Mann mit den Schmerzen im Arm wird dann wohl nicht mehr von der MP festgesetzt. Den Job machen künftig andere. Wobei es sein kann, dass er sich bald legal um diese Tageszeit auf der Straße aufhält. Brigadegeneral Alois Bach hat die Ausgangssperre zunächst bis zum 1. April aufgehoben. Er denkt sogar über ihr unbegrenztes Aussetzen nach.

 

Text: Marco Seliger
Fotos: Jörg Nordmann

Aus der Feldzeitung der Bundeswehr für das Kosovo und Mazedonien ‘Maz & More’, Ausgabe 149 vom 27.03.2002.

Mit freundlicher Genehmigung der MAZ & More-Redaktion.

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