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Wie Kai aus der Kiste

Veröffentlicht von HD am 01.01.2003

Maschinenpistolen galten in den 60er Jahren als unpräzise und unmodern, ihre Ablösung durch Sturmgewehre als beschlossene Sache, da stellte HK die MP 5 vor.

London, Princess Gate, 5. Mai 1980, 19 Uhr 24: Explosionen zerstören die Fenster in der iranischen Botschaft. Dann dringen schwarzgekleidete Gestalten, aus Maschinenpistolen feuernd, durch die Breschen ins Innere. Das Knallen der Sprengladungen signalisierte den Beginn der Operation „Nimrod“, einer der spektakulärsten Geiselbefreiungen in der Geschichte des Terrorismus. Vor laufenden Kameras erlebte die Welt live den Einsatz der geheimnisumrankten britischen Anti-Terroreinheit, der Pagoda-Teams des 21st Special Air Service Regiments (SAS).

Kaum waren die Schüsse verhallt, fünf der sechs Terroristen tot, die Geiseln befreit, da begann die Arbeit der Analysten. Taktik und Ausrüstung der Spezialeinheit wurden auf Herz und Nieren geprüft. Heckler & Koch hätte sich keinen besseren Werbefilm wünschen können, zumal die MP 5 bereits bei der GSG-9-Aktion in Mogadischu drei Jahre zuvor Meriten erworben hatte. Auch die SAS-Männer waren voll des Lobes über ihre MP 5. Funktionsstörungen traten keine auf. Und auf Sieger hört man gern: Weltweit bestellten Spezialeinheiten in Oberndorf das neue Statussymbol, soweit es nicht schon zum Inventar gehörte.

Gleichgültig, ob polnische Antiterrorspezialisten der GROM, amerikanische SEALs oder SWAT-Angehörige, sie alle schwören heute auf Heckler & Kochs Maschinenpistole. Und last but not least besorgte sich sogar die Terrorabwehrabteilung der Stasi die MP 5. Nun zauberte Heckler & Koch diese erfolgreiche Maschinenpistole im Kaliber 9 x 19 mm aber nicht einfach aus dem Hut. Ihre Wurzeln liegen schon über fünfzig Jahre zurück in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Damals entwickelte die Firma Mauser in Oberndorf unter der Tarnbezeichnung „Gerät 06 H“ das Sturmgewehr 45 mit Rollenverschluß. Auf dem Umweg über die spanische Firma Cetme ging daraus das G 3 der Bundeswehr hervor. HK übernahm die Fertigung. Schon bald machte sich das Konstruktionsteam in Oberndorf an die Entwicklung einer in ihren Dimensionen der Pistolenpatrone Neun-Para angepaßten Version. Im Aufbau sollte die Waffe dem G 3 gleichen: Das Verschlußgehäuse aus unter hohem Druck von bis zu 250 Tonnen verformtem Stahlblech mit eingepreßtem Lauf, die Griffeinheit aus schlagfestem Kunststoff und das Ganze zusammengehalten mit gefederten Querstiften. Auch ein Name fand sich schnell: HK 54. Die „5“ stand dabei für Maschinenpistole und „4“ für das Kaliber in der HK-Terminologie. Die ersten Prototypen firmierten allerdings noch unter MP 64, dem Jahr des Projektbeginns.

Die Vorserienmodelle wichen in der Visierung mit dem einfachen, ungeschützten Balkenkorn und der offenen 100 -m-Kimme noch deutlich von der späteren Serienfertigung ab. HK experimentierte auch mit rechtwinklig zur Laufachse eingeschnittenen Kompensator-Schlitzen an der Mündung. Die charakteristischen Warzen zur Befestigung von Mündungsaufsätzen fehlten anfangs noch. Später entschied sich HK dann für die Visieranordnung mit Korntunnel und Diopter-Trommel des G 3. Nur dienen hier die Diopterlöcher nicht zur Entfernungseinstellung (die ist bei allen 100 m), sondern der Anpassung an unterschiedliche Lichtverhältnisse. Die Ausführung A1, für Fahrzeugblenden gedacht, bekam keinen Kolben. Die A2 führte einen festen Kunststoff-Anschlagschaft und die A 3 eine einschiebbare Schulterstütze. Seit 1982 die Feuerwahleinrichtung mit zusätzlicher Option für Drei-Schuß-Feuerstöße aufkam, tragen entsprechend ausgerüstete Modelle die Bezeichnungen A4 bis A6. Bis zur Serienreife hatte das Projekt 64 nur knapp zwei Jahre gebraucht.

Der Eifer zahlte sich aus: Die deutschen Polizeien und der Zoll führten nämlich immer noch die in die Jahre gekommene Beretta-MPi 38/49 mit zuschießendem Masseverschluß und starrem Holzkolben. So begannen sofort Tests mit dem neuen Modell. Der abgestützte Rollenverschluß erwies sich im gezielten Einzelfeuer der 38/49 weit überlegen, auch dem Mitkonkurrenten aus dem Haus Walther. Denn während die HK-MPi aus verriegelter Verschlußstellung aufschoß, bewegte sich bei der Beretta der Masseverschluß beim ersten Schuß nach vorn und führte die Patrone zu, was nicht gerade der Präzision dient. Der Einführungsbeschluß für die jetzt als MP 5 klassifizierten Waffe für den Bundesgrenzschutz fiel schon 1966, die Länderpolizeien folgten und kurz darauf der Zoll. Allerdings ließen sich manche Landespolizeien viel Zeit mit der Übernahme. Die Polizeibehörden von Berlin und Bayern führten bis in die 70er Jahre meist die Walther MPi mit zuschießendem Masseverschluß.

Hk Mp5 in Wie Kai aus der Kiste

Schallgedämpft als Modell SD oder versteckt im Koffer: Heckler & Kochs MP 5

Unerwartete Schützenhilfe kam von Seiten des internationalen Terrorismus, der nach der 68er Studentenrevolte ab 1969 auch über das verträumte Wirtschaftswunderland hereinbrach. Er beschleunigte auch bei den sparsamsten Betonköpfen in den Beschaffungsbehörden die Einsicht, daß die Vollzugsbeamten etwas Effektiveres brauchten als schwächliche Taschenpistolen Kaliber 7,65 mm oder ältliche Maschinenpistolen made in Italy. Für die Bundeswehr kam die MP 5 allerdings zu spät. Hier hatte die Uzi bereits das Rennen gemacht. Nur die Feldjäger und vor allem deren VIP-Begleitkommandos durften die bediensicherere HK-Konstruktion übernehmen.

Heckler & Koch konnte 1972 schon den ersten Auslandsauftrag verbuchen: Die Schweizer kauften für ihre Kantonspolizeien eine auf ihre Ordonnanzpatrone zugeschnittene Version mit modifizierter Zuführung. Die Weiterentwicklung stand jetzt bereits unter dem Vorzeichen des Olympia-Massakers von München und den besonderen Bedürfnissen der im Aufbau begriffenen polizeilichen Spezialeinheiten. Deswegen erhielten die Verschlußgehäuse im folgenden Jahr Befestigungspunkte zur Aufnahme von Zielfernrohren für den gezielten Einzelschuß im Nahbereich von 50 bis 75 m bei Geiselnahmen.

1974 stellten die Oberndorfer die schallgedämpfte MP 5 SD vor. Sie zeichnete sich durch ein fest integriertes Dämpferelement aus. Weil die SD überschallschnelle Standardmunition geräuscharm ver-schießen sollte, mußte deren Mündungsgeschwindigkeit gedrückt werden, um den Überschallknall des Geschosses zu eliminieren. Dies erreichte HK durch konzentrisch vor dem Patronenlager in den Lauf gebohrte Löcher. Sie zapfen einen Teil der Pulvergase ab und senken die v0 auf 280 m/s. Dank des Dämpfers läßt sich die Waffe auch ohne Gehörschutz in Gebäuden einsetzen. Außerdem unterdrückt die Einrichtung das Mündungsfeuer — perfekt für Nachteinsätze und die Verwendung von Restlichtaufhellern. Als weitere Konzession an die Bedürfnisse der Spezialeinheiten kam 1976 das gebogene Magazin heraus. Denn im geraden Magazin verursachte die von Dynamit Nobel entwickelte Action-Deformationsmunition wegen ihrer Plastikabdeckkappe Ladehemmungen.

Im gleichen Jahr erschien die MP 5K (KA 1 ohne Visier). Sie entstand auf Anregung des im Werk für Südamerika zuständigen Verkaufsleiters. Er witterte einen Markt für eine ultra-kompakte Maschinenpistole zu Personenschutz-Zwecken. Denn zum verdeckten Tragen wirkt selbst die MP 5 A3 bei eingeschobener Schulterstütze mit ihren 50 cm noch zu lang. So wurden Gehäuse und Verschluß gekürzt, die Abzugseinrichtung umkonstruiert und ein nur 114 mm langer Lauf eingebaut. Ein zweiter Pistolengriff ersetzte den geraden Handschutz. Die GSG 9 übernahm die kurze Waffe 1978 — zu spät für die Feuerprobe der Einheit 1977 in Mogadishu.

Dort wäre sie aber ohnehin nicht zum Zug gekommen, denn: „…in Flugzeugen verwendet die GSG 9 ohnehin keine Maschinenpistolen“, wie General a.D. Ulrich Wegener gegenüber VISIER versicherte. Verständlich, denn gerade die MP 5K läßt sich durch ihre hohe Kadenz von rund 1000 Schuß pro Minute und das Fehlen eines Kolbens im Dauerfeuer nur schwer kontrollieren. Geiseln wären gefährdet. Erst die Oberndorfer US-Tochter HK Inc. beseitigte diesen Mangel durch die Weiterentwicklung zur MP 5K-PDW.

Diese Personal Defence Weapon erhielt einen seitlich anlegbaren Skelett-Klappschaft, der gezieltes Feuer von der Schulter ermöglicht. An dem jetzt 140 mm langen Lauf lassen sich Schalldämpfer installieren. Speziell für den Personenschutz entwickelte HK einen Koffer und eine Aktentasche, aus denen die Mini-MPi direkt abgefeuert werden kann. Leuchtspurmunition oder ein wahlweise einzubauender Laserpointer erleichtern dabei das Zielen.

In den 80ern verstärkte sich die Nachfrage aus Übersee, wo vor dem Princess-Gate-Zwischenfall Maschinenpistolen bei SWAT-Teams als nicht gesellschaftsfähig galten. Zu den ersten Einheiten, welche die MP 5 hier führten, gehörten die Kampftaucher der US-Navy SEALs. Die Antiterroreinheit SEAL Team Six arbeitete seit ihrer Gründung eng mit der GSG 9 zusammen.

Auf Rat der Deutschen übernahmen sie die Maschinenpistole in den Normalversion A3 sowie als SD 3 und KA 4. Darüber hinaus bekamen sie ab 1985 spezielle Navyversionen, MP 5-N und MP 5K-N. Sie unterscheiden sich von der Normalausführung durch beidseitige Sicherungshebel sowie Mündungsgewinde für Schalldämpfer. Zusätzlich trägt die MP 5-N den „Tropenvorderschaft“ mit breiterem Querschnitt.

Sonderwünsche äußerte auch das Hostage Rescue Team (HRT) der US-Bundespolizei FBI. Sie wollten eine MPi in 10 mm Auto, passend zu den gerade erprobten Pistolen. HK reagierte prompt: 1992 stand nicht nur die MP 5/10 bereit, sondern gleich noch die MP 5/40 für das in den USA populäre Polizeikaliber .40 S & W, die man sogleich der US-Drogenfahndung vorstellte. Angesichts der stärkeren Patronen erhielten diese Waffen neue Verschlüsse und in Hinblick auf amerikanische Gewohnheiten einen Verschlußfang ähnlich dem des Colt M 16. Neue, durchsichtige Polymer-Magazine vervollständigten die Ausstattung.

Einen schlagenden Beweis für die legendäre Stabilität der Heckler & Koch-Waffen lieferte der Sicherheitsdienst des JFK Space Centers. Im Training feuerte die Security der NASA aus einer MP 5 A3 genau 571 000 Schuß, wie aus den Schießprotokollen hervorging. Als einzige Opfer blieben ein paar Kleinteile auf der Strecke, die ausgetauscht wurden: Auszieher-Federn, Rollen, Schlagbolzen. Der große Vorteil, der sich bei der HK MP 5 über die Jahre herausstellte, bestand in ihrem modularen Aufbau, der auch eine Vielzahl von Zubehör-Teilen an der Waffe erlaubte. Heckler & Koch reagierte flexibel auf Behördenwünsche: Magazinklammern, Manöverpatronen-Geräte, spezielle Schäfte, Schulterholster, ja sogar ein Schießbecher für Tränengasgranaten wurde entwickelt. Für die gepanzerten Mercedes-Sonderwagen der Deutschen bauten die Oberndorfer die MPi horizontal in eine Scheitellafette ein.

Speziell zum Üben gibt es die MP 5 PT. Sie verschießt ausschließlich die von Dynamit Nobel entwickelte Plastik-Trainingsmunition, die eine geringe Umfeldgefährdung besitzt. Auch ein Umbaukit für .22 l.r. ist ab Werk lieferbar. Amerikanische SWAT-Teams konnten auf in den USA hergestellte Vorderschäfte mit integrierter Sure-Fire-Weißlichtlampe zurückgreifen. Und für den US-Zivilmarkt lieferte Oberndorf einen langläufigen, halbautomatischen MP 5-Karabiner als HK 94. Von der MP 5K stammt die Pistole HK 89 ab.

Dank dieser praktischen Variationsmöglichkeiten kam die MP 5 auch bei den US-Streitkräften ins Gespräch. Dies war die Zeit, in der in Fort Bragg die Delta Force der Green Berets aufgestellt wurde und die Ranger der US-Armee eine spezielle Interventionstruppe mit schwarzen Baretts aufbauten. Gleichzeitig suchten die US-Streitkräfte nach Ersatz für eine Reihe veralteter Waffenarten, darunter auch die Colt Government. Alle Teilstreitkräfte und Interessengruppen fanden sich 1979/80 zum „Joint Services Small Arms Program (JSSAP)“ zusammen, um Forschungen, Protoypen-Bau, Truppentests und Beschaffung zu koordinieren.

1981 ging es dann auch bei den Maschinenpistolen zur Sache. Hier hatte besonders die Marine einen gesteigerten Bedarf für ihre Kampftaucher angemeldet. Folgerichtig übernahm auch das Naval Weapons Support Center in Crane im US-Bundesstaat Indiana die Betreuung des MPi-Programms. Es lief unter der Kennziffer „6. submachinegun“, nachdem der Stab des JSSAP die Rahmenrichtlinien festgelegt und erste Prototypen gesichtet hatte.

Heckler & Koch Inc. bewarb sich bei dem Programm mit der neuen HK 54. Diese Weiterentwicklung der MP 5 zeichnete sich vor allem durch eine neuartige 50-Schuß-Trommel aus. Daraus wurde in der Entwicklungsstufe 6.2 des JSSAP-Programms die HK 54 A1 in Neun-Para. Bei aufgesetztem Schalldämpfer wog die Waffe mit dem Polymer-Gehäuse rund 3400 Gramm. Einige Exemplare kamen in den Kampfeinsatz: Im Oktober 1983 landeten die SEALs auf der Karibikinsel Grenada, um als Geiseln gehaltene US-Studenten zu befreien. Verschiedene Prototypen existierten, aber aufgrund negativer Erfahrungen in Grenada beerdigte das JSSAP die HK 54 Ende 1983.

Stattdessen wandte man sich nun dem von Grund auf neu konzipierten Modellen SMG I und SMG II zu, die als Forschungsprojekt 6.3. und 6.3A liefen. Eine Vorserie von rund 60 Exemplaren durchlief 1984 diverse Truppentests bei den US-Spezialeinheiten. Allerdings entschied sich die Navy 1986, eine nach eigenen Wünschen leicht variierte MP 5-Version anzukaufen. Und damit geriet das ganze Forschungsprojekt ins Stocken. Heckler & Koch setzte die Entwicklung im eigenen Haus fort und nannte das Modell nun MP 2000. Es bestand zur Hälfte aus Polymer-Teilen, vor allem im Gehäusebereich. Das vereinfachte und verbilligte die Fertigung. Vorerst aber blieb man bei der Patrone 9 x 19 mm. Bereits beim SMG I hatte sich HK vom Rollenverschluß zugunsten eines aufschießenden Masse-Verschlusses verabschiedet. Denn in der Herstellung erwies sich die Rollen-Verriegelung einfach als zu kostspielig.

Die MPi 2000 besaß schon viele jener Design-Elemente, die sich jetzt in der UMP, dem neuesten Sproß der HK-Waffenfamilie, wiederfinden. Dazu gehört nicht zuletzt ein vertikaler, abnehmbarer Griff am Vorderschaft. Aber 1989 geriet die Firma Heckler & Koch in Schwierigkeiten, als die Bundesregierung das Beschaffungsprogramm für das hülsenlose G 11 Sturmgewehr kippte. HK Oberndorf ging in den Besitz von British Ordnance über. Erst 1996 holten die Designer die alten SMG-Pläne wieder aus der Schublade, nachdem HK endgültig den Zuschlag für die SOCOM-Pistole Mark 23 erhielt. Damit kam das Kaliber .45 ACP wieder ins Gespräch.

Nun eröffnete sich für die Firmenchefs in Oberndorf die Sicht auf eine Marktlücke für eine neuartige Maschinenpistole — aber nicht wie bisher in Neun-Para, sondern in der altbewährten .45 ACP.

 

Das Internationale Waffenmagazin Visier, 06/1999,
Frank W. James David Th. Schiller, Siegfried Schwarz

(Mit freundlicher Genehmigung der Visier-Redaktion)

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