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Feldjägereinsatz am Entlassungstag – Wehe wenn sie losgelassen (1982)

Veröffentlicht von HD am 07.05.2004

Entlassungstag und Oktoberfest, das bedeutet Großeinsatz für die Münchner Feldjäger. Viel Fingerspitzengefühl ist da notwendig, manch hartes Wort muß geschluckt werden. Wir waren mit den Feldjägern auf Streife.

 

Feldjägereinsatz am Entlassungstag
Wehe wenn sie losgelassen

»Was, das ist wirklich ein Oberstleutnant?« »Sicher, der Chef der Feldjäger von Bayern.« »Ja, mei … !« staunt der Reservist.
Hauptbahnhof München, Mittwochvormittag: Am Stehausschank des Bahnhofrestaurants drängt sich ein bunter Haufen Reservisten. Jeder hält ein Bier in der Hand. Über ihren Köpfen wippen die Pfauenfedern. In ihrer Mitte Oberstleutnant Heinrich König, Kommandeur des Feldjägerbataillon 760. Er hat Erfolg, denn man redet miteinander. Die anstehenden Probleme werden jedoch nur kurz verdeckt. Entlassungstag und Oktoberfest verheißen für die Feldjäger selten Gutes.

 

Zum Bahnhof geht es in Marschordnung

Bereits am Morgen fuhr eine Zugstreife nach Brannenburg, um die dort entlassenen Reservisten nach München zu begleiten.
»Die waren friedlich«, erzählt Oberfeldwebel Peter Heinrich. »Zum Bahnhof sind sie in Marschordnung gekommen, und im Zug haben sie noch etwas gefeiert. Eingreifen mußten wir kein einziges Mal.«
Anders in München. Aus dem Bahnhofslautsprecher tönt es: »Der einfahrende Zug auf Gleis 24 … « Der Rest geht in unerträglichem Hupkonzert unter. Aus verschiedenen Ecken erklingt die Antwort einem Echo gleich.

 

Wenn es Ernst wird, fangen sie an zu weinen

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Bei Streifen an Entlassungstagen oder wie hier nach der Entlassung auf dem Oktoberfest ist immer auch Schutzpolizei und US-Militärpolizei dabei.
(Foto: Friese)

Die Passanten schauen erschreckt auf und bleiben stehen, man sieht ihnen den Unmut an. »Wo hamm’s denn euch ausgelassen«, meckert eine ältere Dame. Gelächter.
Doch dann sind die Feldjäger da. Was wird geschehen? Die Männer mit den weißen Koppeln verstehen ihr Handwerk. Ein paar ermahnende Worte, und die Preßlufthupen verstummen.
»Manche machen ungestört weiter«, meint Fahnenjunker Peter Neuner. »und wenn man dann Ernst macht und Ihnen die Hupe wirklich wegnimmt, dann weinen´s fast.«

Die Reservisten ziehen weiter. Ziel: Oktoberfest. Das Schottenhamelzelt auf der »Wiesn« ist bereits fest in ihrer Hand. Feldwebel Franz Lang lächelt zufrieden: »Wenn’s hier Lärm machen, stört das niemand. Das hebt eher die Stimmung. Wir sollen hauptsächlich darauf achten, daß keine Reservisten in Straftaten – vorrangig in Schlägereien – hineingezogen werden. Danach schaut’s im Moment nicht aus.«

In den Zelten sind Zivilstreifen unterwegs. Außerhalb gehen Uniformierte gemeinsam mit der amerikanischen MP und der Polizei Streife. Ihre Aufgabe ist, zu sondieren, wo es krieseln könnte.

»Auf der Wiesn haben wir nur zwei bis drei Streifen. Wenn es hier losgehen sollte, stellt uns das natürlich vor Probleme«, erklärt Feldwebel Lang, »aber wir sind es ja gewöhnt, allein und eigenständig zu arbeiten.«
In der Tat, die Masse der Aufträge, auch in anderen Bereichen, müssen die Feldjäger in eigener Regie durchführen. Bei der Größe der Einsatzräume und der dünnen Personaldecke überrascht das kaum.

 

Manches harte Wort muß geschluckt werden

»Ein großes Problem für meine Feldjäger ist, die Toleranzgrenze zu erkennen, nämlich erst dann einzugreifen, wenn es unbedingt notwendig ist«, erklärt Oberstleutnant König. »Bei 55 bis 60 Stunden Dienst pro Woche ist es auch nicht immer einfach, den richtigen Ton zu finden.«
Hinter vielen Verfehlungen der Soldaten stehen häufig Probleme persönlicher Art.
Auch dies muß der Feldjäger bei seinem Vorgehen nach Möglichkeit berücksichtigen. Nur so kann er eine eventuelle Eskalation verhindern und seinen Auftrag ohne größere Schwierigkeiten ausführen.

Dazu gehört auch, daß manches harte Wort geschluckt wird, wenn Soldaten ihrem Ärger über die Militärpolizisten Luft machen. Ein Grundsatz gilt immer: Nicht härter durchgreifen als unbedingt notwendig.

Erst miteinander reden, Gewalt ist das allerletzte Mittel und das wendet kein Feldjäger gerne an. »Meinen Gummiknüppel mußte ich in meiner gesamten Dienstzeit noch nie einsetzen«, erzählt Oberfeldwebel Gerd Muppes und ist darüber sichtlich froh.

Bahnhofsplatz, 20 Uhr. Ein Schlag, Glas splittert. Erschreckt steigt ein Soldat in Feldjäger-Uniform aus dem beschädigten VW-Passat. Die Windschutzscheibe ist zerschlagen, das Blaulicht geköpft. Aber der Fahrer ist unverletzt.
»Was sollte ich machen«, fragt er später, »das ging alles so schnell. Mein Kamerad wollte gerade Verstärkung holen, weil wir vorher mit denen schon Ärger hatten. Allein gegen acht Mann, das ist doch aussichtslos, und wegen ein paar Scherben kann ich doch nicht gleich schießen.«

 

Die Feldjäger: oftmals Mädchen für alles!

Oktoberfest, »Fundstelle für verlorene Kinder«. Zwei Reservisten schlafen dort ihren Rausch aus. Sie werden geweckt. Einen anderen Platz zum Schlafen haben sie nicht gefunden.
»Ihr könnt bei uns in einer freien Stube des Dienstkommandos übernachten, wenn ihr sonst nichts habt«, schlägt Oberfeldwebel Heinrich vor. 
Doch das wollen sie nicht. So sucht er ihnen noch eine Zugverbindung nach Hause heraus und zeigt den Weg zum Bahnhof.
Kurz vor Mitternacht, Aufbruchstimmung. Die Wiesn ist fast völlig entvölkert, die letzte Streife kommt zurück. »Jetzt ham ma’s dann bald«, meint Feldwebel »Chicko« Hartfil.
Da taucht noch ein amerikanischer Major auf, der seine Frau verloren hat. Die MP beginnt zu suchen. Ein Feldjäger begleitet sie, um notfalls zu dolmetschen.

 

Ein »ruhiger« Tag ist vorbei, nur das Auto ist kaputt

Hier und da torkelnde Betrunkene, ein paar Nachtschwärmer, doch die Frau ist nicht zu finden. Nach einer Stunde geben sie die Suche auf. Dann geht’s zurück in die Kaserne.
Die Bilanz eines relativ ruhigen Tages: Ein kaputtes Auto, ein paar vorläufig eingezogene Preßlufthupen, keine Festnahmen, keine Feldjägermeldung, keine Schlägereien und rund 16 Stunden Dienst.

 

 

Ein Bericht aus „Heer“, 12/82, Jürgen Börner

Artikel zur Verfügung gestellt von HW.

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