splash

Mit den Feldjägern auf Zivilstreife unterwegs: Wehe dem, der flieht (1981)

Veröffentlicht von HD am 07.05.2004

Feldjäger – welcher Soldat kennt sie nicht, die Männer mit den weißen Schirmmützen. Unter anderem sind sie der verlängerte Arm des Disziplinarvorgesetzten außerhalb der Kasernenmauern, für die Soldaten eben die „Polizisten“ der Bundeswehr. Durch die Realisierung der Heeresstruktur 4 wurden sie dem Territorialheer unterstellt.
Eine der Aufgaben der Feldjäger besteht darin, fahnenflüchtige Soldaten und solche, die den Tatbestand der „eigenmächtigen Abwesenheit von der Truppe“ erfüllen, aufzugreifen und zu ihrer Einheit zurückzubringen. Und dies gleicht manchmal einem handfesten Krimi.

 

Mit den Feldjägern auf Zivilstreife unterwegs:
Wehe dem, der flieht

Dreimal kurz klingeln, das wirkt Wunder. Sonst hätte Jäger Hubert B. sicher nicht aufgemacht, denn er wußte genau, daß die Feldjäger hinter ihm her sind. Fuß zwischen die Tür: »Feldjäger. Sie wissen, weshalb wir hier sind. Ziehen Sie sich an, und kommen Sie mit!«

Völlig verdattert taumelt B. zurück. Er ist splitternackt zur Tür gekommen, seine Freundin liegt noch im Bett. Fenster und Vorhänge sind seit Tagen nicht geöffnet worden.

Fjg Zivilstreife 1981 2-160x128 in Mit den Feldjägern auf Zivilstreife unterwegs: Wehe dem, der flieht (1981)

Die meisten Nachforschungen der zivilen Feldjäger spielen „im Milieu“ – oft geht es knietief in den Kiez. Die Uniform wäre hier fehl am Platz.

Dreimal kurz, das war der Code, den er mit seiner Mutter ausgemacht hatte. Nur wenn sie kam und Lebensmittel brachte, öffnete er die Tür seines Appartements im Münchner Westen.
Seit einer Woche hatten B. und seine Freundin die Wohnung nur nachts für ein paar Stunden verlassen, um ein bißchen frische Luft zu schnappen. Doch seine Mutter hielt das nicht länger aus. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn und informierte die Feldjäger.
Jetzt stehen sie vor ihm, in Zivil! Für Hauptfeldwebel Hans Rauscher vom Feldjägerdienstkommando München kein außergewöhnlicher Fall. »Es kommt oft vor, daß die Eltern uns helfen. Aber noch mitteilsamer sind die Nachbarn. Wenn die erfahren, daß der Sohn von nebenan gesucht wird, plaudern sie gleich die ganze Lebensgeschichte herunter. Oft hören die gar nicht richtig hin, wer wir sind.«

Auch wenn Jäger B. sich noch ein paar Tage in seiner Einzimmer-Wohnung gehalten hätte: Über kurz oder lang wären ihm die Feldjäger auf die Spur gekommen. Im Notfall wird die Wohnung so lange beobachtet, bis feststeht, daß er drin ist. Wenn er nicht aufmacht, wird die Polizei um Amtshilfe gebeten, und die macht jede Tür auf. Mit Hilfe eines Schlüsseldienstes oder mit Gewalt. Kosten zu Lasten des Gesuchten, versteht sich.

 

Manche treten ihren Dienst erst gar nicht an

Fjg Zivilstreife 1981 1-160x160 in Mit den Feldjägern auf Zivilstreife unterwegs: Wehe dem, der flieht (1981)

Hektik in der Einsatzzentrale: Wenn´s hoch her geht, klingeln alle Telefone gleichzeitig.

In den ersten Tagen nach den Einziehungsterminen zu Quartalsanfang haben die Feldjäger vermehrt zu tun, denn manche Wehrpflichtige treten ihren Dienst erst gar nicht an. Um diese Soldaten ihren Einheiten zuzuführen, sind die Feldjäger in Zivil unterwegs. Nachforschungsgruppenführer Rauscher: »Als wir früher mit unseren weißen Mützen und den aufheulenden DKW-Jeeps kamen, wußten die Jungs doch schon Bescheid, wenn wir noch einen halben Kilometer weg waren.«

Heute werden zur Tarnung des zivilen Kombis sogar Wechselkennzeichen verwendet, denn über die Hälfte der Nachforschungen beziehen sich auf »Stammkunden«.
»Und nach kurzer Zeit kennen die uns natürlich genauso gut wie wir sie.« Allerdings hat das unauffällige Auftreten der Feldjäger in Zivil auch einen weiteren Grund: Der Gesuchte soll nicht unnötig vor den Nachbarn bloßgestellt werden.

Wer sich bis zu drei Tagen unerlaubt vom Dienst entfernt, dann aber wieder reumütig zurückkehrt, muß mit Disziplinarmaßnahmen durch seinen Kompaniechef rechnen, in aller Regel mit Ausgangsbeschränkung oder sogar »Bau«. Doch sobald drei volle Kalendertage auch nur um eine Minute überschritten sind, ist der Tatbestand der »eigenmächtigen Abwesenheit« erfüllt, strafbar nach § 15 Wehrstrafgesetz. Und wenn die Absicht dazukommt, überhaupt nicht mehr zur Truppe zurückzukehren, wird daraus Fahnenflucht, die nach dem Gesetz mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet wird.

Fjg Zivilstreife 1981 3-160x128 in Mit den Feldjägern auf Zivilstreife unterwegs: Wehe dem, der flieht (1981)

So ganz kann er es noch gar nicht fassen: Aus dem Bett in die Klamotten und ab zum Militär!
Volle 15 Monate liegen vor ihm, die versäumte Zeit muß er nachdienen.

Hubert B. ist am 5. Januar eingezogen worden und nach dem ersten Wochenendausgang nicht mehr zu seiner Einheit in Neuburg/Donau zurückgekommen. Ihn haben Hauptfeldwebel Rauscher und Oberfeldwebel Diesel erst beim dritten Versuch am 27. Januar erwischt. Pech für Jäger B., denn die Schwierigkeiten gehen jetzt erst richtig los. Abtransport zum Dienstkommando, dort warten, bis ein Fahrzeug kommt und ihn abholt.
Am Abend ist B. in »seiner« Kaserne.

 

 

 

Hinter jeder Fahnenflucht steckt eigenes Schicksal

Für den jungen Feldjäger ist noch jeder Fall etwas besonderes, denn jeder Fahnenflüchtige und jeder eigenmächtig Abwesende hat ein eigenes Schicksal. Doch mit der Routine wächst auch die Gelassenheit. Was ein Außenstehender vielleicht als gefühllose Kaltschnäuzigkeit mißversteht, ist in Wirklichkeit nur Professionalität und vorschriftsmäßige Pflichterfüllung.

So zum Beispiel im Fall des Pioniers Martin R. Er ist 21, erst vor zwei Jahren aus Polen in die Bundesrepublik gekommen und spricht kaum deutsch. Einen Arbeitsplatz hatte er als Tellerwäscher in einem Hotel bei Landsleuten gefunden. Doch im Gegensatz zu Gastarbeitern bekam R. als Volksdeutscher sofort einen deutschen Paß und ist damit auch wehrpflichtig.

Mit seinen Kameraden konnte er sich nicht einmal richtig unterhalten, doch sein Antrag auf Zurückstellung vom Wehrdienst wurde abgelehnt. Hauptfeldwebel Rauscher: »Der Grillraum dieses Hotels, in dem er gearbeitet hat, das ist seine Heimat. Irgendwann kriegen wir ihn da.«
Allerdings kann Rauscher nicht ganz verstehen, warum man so jemanden einzieht. »Aber wissen Sie, da muß er sich mit seinem Disziplinarvorgesetzten unterhalten, das ist der richtige Ansprechpartner.«
Oder ein anderer Fall: Nachforschung am »vermutlichen Aufenthaltsort« des Schützen Anton K. Auch er hat am 5. Januar seinen Grundwehrdienst nicht angetreten.
Münchner Stadtteil Hasenbergl, hier wohnen viele Leute, mit denen es das Schicksal wirklich nicht gut gemeint hat.

 

Im Umgang mit Behörden oft ungeschickt

Betonklotz, zweiter Stock, angetroffen werden nur die Eltern. Die ganze Wohnung voller Edelkitsch. Sie sind Zigeuner und haben ein Schaustellergeschäft.

Im Gespräch stellt sich heraus, daß der Vater schwer krank ist und Anton inzwischen das Geschäft übernommen hat, welches auch für die Eltern die Lebensgrundlage darstellt. Der Vater wurde 1942, nach einem halben Jahr Dienst in der Wehrmacht, wegen »Wehrunwürdigkeit« entlassen; der Überführung vom Wehrdienst direkt ins Konzentrationslager konnte er sich damals durch Flucht gerade noch entziehen.

Die Mutter sagt, daß auch der Anton krank ist, chronische Stirnhöhlenvereiterung. Drei Zurückstellungsgründe also, von denen vermutlich wenigstens einer durchgegriffen hätte.
Doch K. hat sich gegen den Einberufungsbescheid nicht gewehrt – oder – nicht richtig. Unter Tränen zeigt Frau K. einen Brief an den Bundeskanzler und die Antwort vom Kanzleramt: Wir sind für Ihren Fall leider nicht zuständig … Bedauern … Hochachtungsvoll … Aus!

 

Fjg Zivilstreife 1981 4-400x223 in Mit den Feldjägern auf Zivilstreife unterwegs: Wehe dem, der flieht (1981)

Aufschleusung einer Militärkolonne auf die Bundesautobahn. Wesentliche Aufgabe der Militärpolizei ist die Sicherung des Bundewehr-Verkehrs. Ohne die Hilfe der Feldjäger gäbe es ein paar Staus mehr auf unseren Straßen.

 

Von den Feldjägern ist auch Hilfe zu erwarten

Diesmal wird auch Hauptfeldwebel Rauscher fast weich: Er schildert den Eltern eindringlich die Folgen, die das Gesetz an das Verhalten ihres Sohnes knüpft, und rät ihnen dringend, einen Rechtsanwalt einzuschalten.

Auch wenn er über die Aussichten eines Zurückstellungsantrages in diesem Fall nicht ganz genau Bescheid wissen kann, weil er nicht alle Fakten kennt, zeigt er immerhin den richtigen Weg auf und macht ihnen Mut. Ein paar Stunden später ruft Schütze K. selbständig im Feldjägerdienstkommando an und verspricht, sich zu stellen.

Das ist die für alle Beteiligten bessere Methode, und Hauptfeldwebel Rauscher ist froh, daß er Pistole und Handschellen, die er im Außendienst ständig mit sich herumträgt, so gut wie nie einsetzen muß.

Nach der Vorschrift für die Nachforschungsarbeit der Feldjäger müßte deren Einsatz meist recht friedlich vor sich gehen: »Ziel der Nachforschung ist, den Aufenthalt und den Grund der Abwesenheit festzustellen sowie die Rückkehr des Soldaten zu seiner Einheit zu veranlassen.«

In den allermeisten Fällen klappt das auch; doch manchmal, wenn nach Wochen bereits ein Haftbefehl erwirkt ist und die Polizei sich an der Fahndung beteiligt, dann kann die Jagd zum Krimi werden.
»Wenn der Gesuchte in einer Erdgeschoßwohnung vermutet wird, gehen wir grundsätzlich zu dritt. Einer wartet vor dem Haus, einer hinten, einer geht rein. Dann ist auch der Sprung aus dem Fenster hoffnungslos.«

Und Oberfeldwebel Diesel erzählt, wie der elterliche Bauernhof eines ganz gewieften Ausreißers von dreizehn Leuten umstellt wurde. »Der hatte natürlich keine Chance … «
Eine Chance, von den »Militär-Polizisten« nicht ergriffen zu werden, kann sich eigentlich nur ausrechnen, wer auf Nimmerwiedersehen die Bundesrepublik verläßt.

 

Selbst »Dienstgrade« müssen manchmal geholt werden

Übrigens: die meisten Ausreißer gibt es bei den nichttechnischen Einheiten, weil der Dienst dort oft als zu eintönig empfunden wird. Und die eigenmächtige Abwesenheit beschränkt sich beileibe nicht auf Mannschaftsdienstgrade.
»Hin und wieder holen wir auch schon mal einen Stabsarzt oder einen Oberleutnant, der nicht zur Wehrübung erscheint«, erzählt Rauscher.
»Feldjäger hauen übrigens so gut wie nie ab. Die wissen nämlich, was ihnen sonst blüht!«

 

 

 

Ein Bericht aus „Heer“, 04/1981
Text: Matthias Mayer / Fotos: L. Friese

Artikel zur Verfügung gestellt von HW.

Tags: ,

Ähnliche Beiträge
Veröffentlicht in Historisches