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Von AGFAnistan zu Afghanistan

Veröffentlicht von HD am 07.11.2006

Der Berufsstand der Fotografen bei der Presse ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Wie wurden wir früher in Versammlungen und auf Fußballplätzen, bei Verkehrsunfällen und Hochzeiten begrüßt! Wir waren immer willkommen, hoch geachtet. Die alten Kriegerkameraden hätten notfalls zitternd Kopfstände gemacht, wenn der Fotograf es verlangt hätte. Nur damit sie schön in der Generalversammlung abgelichtet wurden.

Für „die Presse“ machten am Fußballplatz alte Haudegen bereitwillig den besten Zuschauerplatz beim entscheidenden Elfmeter frei, damit der Fotograf die Torszene gut im Bild festhalten konnte (von den bewundernden Blicken der jungen Damen und den neidischen Blicken ihrer Begleiter ganz zu schweigen, wenn wir, unsere Riesenteleobjektive vor dem Bauch baumelnd, anmarschiert sind …).

Den Polizisten am nächtlichen Unfallort waren wir keine verhassten Sensationstouristen, sondern willkommene Chronisten, wenn mal wieder die polizeieigene Knipse den Dienst verweigerte und wir Übersichtsaufnahmen und Detailfotos für die Akten nachliefern konnten, die kein normaler Streifenpolizist zustande brachte.

Und bei Hochzeiten, wenn die SpVgg Trittmich ihrem Mittelstürmer Uwe und seiner blonden Braut nach dem Trauungsgottesdienst Spalier stand, herrschte noch Disziplin: Die Kicker stellten sich schon zehn Minuten vor dem Ende der Zeremonie in Reih und Glied auf, kein Verwandter des Bräutigams mit seiner Digiknipse postierte sich frech vor dem Profifotografen und keine Halbwüchsigen mit ihren Fotohandys wuselten ihm zwischen den Beinen herum.

Früher schubsten – AGFAnistan! – sich nur die Fotografen der Konkurrenzzeitungen gegenseitig von den Biertischbänken, heute kämpft man als Profi gegen Hundertschaften von wichtigtuerischen Gelegenheitsknipsern, deren Digitalaufnahmen nie das Licht eines Computerbildschirms erblicken werden, weil sie üblicherweise noch in der Kamera aus Versehen gelöscht werden.

Und jetzt noch das: Leser-Reporter heißt das Zauberwort, das den Berufsstand Pressefotograf bedroht. Kein rostiges Fahrrad kann mehr in Chicago umfallen, ohne dass es nicht zwei Tage später in einem verwackelten Kurzfilm in YouTube zu bewundern wäre. Fotos von mit Totenköpfen spielenden und posierenden Soldaten hat es im Ersten und Zweiten Weltkrieg nur deshalb nicht gegeben, weil keine Leser-Reporter die spätpupertären Entgleisungen mit ihren pixeligen Handykameras festhalten konnten. Später bekamen Soldaten dann oft Geld von skrupellosen Starreportern, d a m i t sie vor der Kamera mit Totenköpfen spielten.

Gelegenheit macht halt Diebe. Und ist nicht Halloween groß in Mode?
Geschmacksverirrungen und Peinlichkeiten gab’s zu allen Zeiten und es war zu allen Zeiten peinlich, sich dabei erwischen zu lassen. Manche bösen Buben hatten einfach nur Glück (Warum habe ich eigentlich 1970 meinen Redaktionsvorgesetzten nicht dabei fotografiert, als der mit einem Totenkopf vom Schreibtisch seines Papas, eines beliebten Landarztes, herumalberte?).

Heutige Peinlichkeiten und Dummheiten werden noch finanziell belohnt, wenn man sie dem Fernsehen oder der Bild-Zeitung verkauft und damit einem Millionenpublikum zugänglich macht. Darüber sind schon Familien zerbrochen und jetzt setzen die Leser-Reporter bei der Bundeswehr ihre eigene Sicherheit in Afghanistan aufs Spiel.

Ob die Taliban schon die Akkus ihrer Handy-Cams aufgeladen haben?

 

Quelle: Nordbayerischer Kurier, 03.11.2006

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