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Ein Jahr danach: Im Gespräch mit den Anschlagsopfern von Kabul

Veröffentlicht von HD am 01.12.2006

Murnau, 15.11.2006.
Welches fürchterliche Schicksal dieser Tag für die drei deutschen Soldaten bereit hielt, als sie am Morgen des 14. November 2005 von Camp Warehouse, dem deutschen Camp nahe Kabul, in die afghanische Hauptstadt aufbrachen, konnten diese nicht ahnen. Dass im Verlauf der Erkundungsfahrt Oberstleutnant Armin F. sein Leben verlieren würde und Hauptfeldwebel Stefan D. wie Oberfeldwebel Tino K. schwer verletzt werden würden, das konnte niemand voraussagen.

Was geschah nach dem brutalen Selbstmordanschlag des Afghanen, der diese entsetzlichen Folgen für die Soldaten hatte? Wie wurden die beiden überlebenden Feldjäger-Feldwebel medizinisch versorgt? Wie geht es Ihnen heute, ein Jahr nach dem Anschlag? Welche Pläne haben die beiden Angehörigen der 5. Kompanie des Feldjägerbataillons 451 in Murnau für die Zukunft?

„Nein, so richtig gut geht’s mir eigentlich nicht,“ meint Hauptfeldwebel Stefan D. (39), der bei dem Anschlag beide Beine verlor – abgesehen von all den anderen gesundheitlichen Folgen, die ihn zusätzlich beeinträchtigen. Er habe sich mittlerweile arrangiert, meint er, „aber gut geht’s mir nur, wenn ich bei meiner Familie, bei meiner Frau und meinen beiden Jungs, bin und wenn ich mich mit Tino (Anm. d. Red.: Oberfeldwebel K.) austauschen kann.“ Auch seine Familie könne ganz gut mit seiner Behinderung umgehen, meint D. Allerdings kann er mit seinen Söhnen sportlich nicht mehr so vielseitig aktiv sein wie früher. Das macht allen dreien ordentlich zu schaffen. Belasten tut ihn auch das stete Angewiesensein auf fremde Hilfe. Nichts könne er mehr allein machen, und das ihm, der früher nie Hilfe gebraucht habe.

 

„Sich niemals aufgeben“

Ein Jahr Danach 2006 in Ein Jahr danach: Im Gespräch mit den Anschlagsopfern von Kabul

Hauptfeldwebel Stefan D. und Oberfeldwebel Toni K. haben sich ihre persönlichen Ziele hoch gesteckt.
(Quelle Klaus D. Treude)

Tino K. geht es sichtbar besser, ja „gut geht es mir!“ Der heute 32-jährige strotzt vor Energie und Zuversicht. Sein Plan für die Zukunft steht. Diese Zukunft sieht er – wie D. übrigens auch, beide sind Berufssoldaten – nicht mehr in der Bundeswehr. Oberfeldwebel K. strebt eine Karriere als Leistungssportler an, nächstes Jahr hofft er auf eine Übernahme in den Nationalkader, Fernziel sind die Paralympics 2012 in London. Bereits früher war er leidenschaftlicher Radsportler, damals eher mit dem Mountainbike, heute sieht er den Schwerpunkt im Rennradfahren. Wenn er von seinem intensiven Training in den letzten Monaten erzählt, mag man nicht glauben, dass diesem jungen Mann der komplette rechte Unterschenkel fehlt. Dass er sein Leben auch nach dem Schicksalsschlag in die Hand nehmen und aktiv gestalten will, stand für K. von Anfang an fest. Mit Blick auf andere Unfallopfer, die er während der Behandlung kennen lernte, die sich mehr oder weniger in ihr Schicksal ergeben hatten, möchte er mit seinen (leistungs-) sportlichen Ambitionen auch „ein Zeichen setzen, sich nicht aufzugeben.“

Einen Teil des Trainings wird er mit seinem Feldjägerkameraden D. absolvieren, „und auch das eine oder andere Rennen gemeinsam bestreiten,“ gibt sich Tino K. optimistisch. Beide waren vor ihren Verletzungen vielseitige Sportler. Beide wollen dem Sport auch in Zukunft treu bleiben. Auch Stefan D. hat sich ein Sportrad zugelegt. Ein Handbike, ein Racing-Bike. Nachdem er selbst die Erfahrung machen musste, dass auch in Deutschland nicht alles behindertengerecht gestaltet ist, will er einen Handbike-Führer schreiben und so anderen Behinderten Hilfe geben. Tino K. wird ihm dabei helfen. „Es kommt darauf an,“ meint er, „dass dem Behinderten-Radsport zu mehr Präsenz verholfen wird.

Als begeisterter Skifahrer wird D. im Januar einen Monoskikurs besuchen. „Irgendwann,“ meint er, „lasse ich mich zum Skilehrer ausbilden und mache vielleicht eine Monoski-Schule auf.“
Dass es beiden heute so geht wie es ihnen geht und nicht schlechter, verdanken sie auch der
hervorragenden medizinischen Versorgung, angefangen von den ersten Maßnahmen in Afghanistan über die Intensivversorgung im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz bis hin zur weiterführenden
Behandlung im Unfallkrankenhaus Murnau. „Das war einfach topp, das Beste was man haben kann,“ sind sich beide einig. Zwar ging es in der Genesung nicht immer geradlinig bergauf. Vor allen Dingen bei
Hauptfeldwebel D. gab es Rückschläge, aber insgesamt sind die beiden mit der medizinischen Versorgung sehr zufrieden. Tino K. konnte sogar bereits im Sommer den Eröffnungswalzer bei seiner eigenen Hochzeit tanzen und Stefan K. hatte es sich nicht nehmen lassen, bei der Hochzeit dabei zu sein – zwar auf Krücken, aber immerhin!

 

Kameradschaftliche Fürsorge

Einig sind sie sich auch, was die Einschätzung der Fürsorge durch Kameraden und Vorgesetzte angeht. „Hier habe ich zum ersten Mal erlebt, was Kameradschaft wirklich ist und zwar dienstgradübergreifend,“ meint Hauptfeldwebel D. In großer Dankbarkeit erinnern sich beide an die Woge der Hilfsbereitschaft, die ihnen gerade in der ersten Zeit nach dem Anschlag zuteil wurde. „Ich möchte an dieser Stelle ganz herzlich all denen danken, die uns unterstützt haben!“ Stefan D. ist es ganz wichtig, dass diese Worte im Artikel erscheinen und Tino K. pflichtet ihm spontan bei. „Wenn ich noch daran denke, als damals eine Oma zu uns kam und uns 500 Euro aus ihrem Sparstrumpf schenkte. ‚Vom Christkindl,’ habe die alte Frau auf die Frage geantwortet, von wem denn das Geld sei. Nein, ihren Namen wolle sie nicht nennen.“

Apropos Kameradschaft. Wie herzlich das Verhältnis zwischen Stefan D. und Tino K. ist, verraten auch die herzlichen Umarmungen mit den anderen Feldjägern in Murnau, die ich während meines Besuches in der Kompanie beobachten konnte. „Wir halten ständig Kontakt mit den beiden,“ meint der Kompaniechef, Major Björn Münzenberger, „und geben ihnen Zuspruch, dass sie mit den alltäglichen Dingen fertig werden.“ Oberstleutnant Dietmar Riedel, der Bataillonskommandeur, lobt das Engagement seiner Soldaten: „Wir haben einiges erreicht. Wir haben die beiden nicht vergessen und wir haben zusammengehalten!“ – Natürlich werden die Soldaten mit ihren Familien, den Kameraden und Vorgesetzten, auch heute, am Jahrestag des schrecklichen Ereignisses in Afghanistan, zusammen sein.

 

Autor: Klaus D. Treude, streitkraeftebasis.de

 

Mit freundlicher Genehmigung zur Weiterveröffentlichung auf militarypolice.de.

 

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