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37º – Ich habe überlebt

Veröffentlicht von HD am 03.10.2007

In diesem Monat wird im Deutschen Bundestag über die Fortführung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr entschieden. Aus diesem Anlass setzte sich das ZDF am 25. September 2007 in verschiedenen Sendungen mit dem Thema Afghanistan auseinander. Die „37°“-Reportage „Ich habe überlebt“ beschäftigt sich mit dem Schicksal der zwei Feldjäger, die am 14. November 2005 bei einem Selbstmordanschlag in Kabul schwer verletzt wurden.

 

Das Video zur Sendung ist in der ZDFmediathek abrufbar:

  • Das Video: 37° – Ich habe überlebt *
  • Die Bilderserie: Nach dem Anschlag *

 

Text zur ZDF-Sendung:

„Aber ich habe überlebt!!!“ Dieser Satz steht fettgedruckt auf der Internetseite von Tino K. Der 33-jährige Chemnitzer lebt seit Jahren in Oberbayern. Er kam als Berufssoldat nach Murnau, zu den Gebirgsjägern. In seiner Freizeit ein begeisterter Rennradler, der die Alpen vor der Haustür liebt. Das einschneidendste Ereignis im Leben von Tino K. findet sich auf seiner Website im Kleingedruckten: Im November 2005 wurde er bei einem Selbstmordanschlag in Kabul schwer verletzt. Und mit ihm sein Freund Stefan.

Stefan D. und dessen Frau Vio sind Trauzeugen, als Tino wenige Monate später seine große Liebe Antje heiratet und den Hochzeitswalzer tanzt, mit Prothese. „Seit dem Attentat sind wir unzertrennlich und stärken uns gegenseitig, um dieses Ereignis zu verarbeiten“, steht unter einem Foto, das Tino und Antje im Hochzeitsdress zeigt – und Stefan daneben. Im Rollstuhl. Beide Beine amputiert. Stefan war erst vier Wochen in Kabul stationiert, als zwei Meter vor ihm und seinen beiden Begleitern 12 kg Sprengstoff explodierten. Alle drei hatten nach einem fingierten Unfall auf einer Ausfallstrasse im Osten Kabuls ihren gepanzerten Jeep verlassen. Es war eine Falle.

Der Zufall entscheidet in Sekunden über Leben und Tod, über die Schwere der Verletzung. Tino kann sich noch hinter einen Betonpfeiler werfen, Stefan wird vom Sprengsatz voll erwischt. Ein Oberstleutnant, der mit ihnen im Wagen saß, ist sofort tot. Tino wurde ein Unterschenkel abgenommen. Er führt mit seiner Prothese wieder ein nahezu normales Leben, setzte sich sechs Monate, nachdem die Bundeswehrärzte ihn aus dem künstlichen Koma zurückgeholt hatten, wieder aufs Fahrrad. Sein Freund Stefan kann sich heute selbst mit Gehhilfe nur mühsam fortbewegen. Wenn er nicht im Rollstuhl sitzt, dann auf dem Handbike. Auch er einer, der im Sport neue Ziele, Zukunft, Selbstbestätigung sucht. Stefan ist ruhiger, ernster als sein Freund Tino. Er kann heute über Suizidgedanken während der ersten Zeit im Bundeswehrkrankenhaus reden. „Aber als dann meine Söhne am Bett standen, da war sonnenklar: das Leben geht weiter.“

Seine Frau Vio erfuhr vom Anschlag aus den Nachrichten, ein paar Stunden später überbrachten ihr zwei Feldjäger die Nachricht, dass ihr Mann im Koma liegt. Die Söhne Robin (9) und Henry (12) haben erst nach und nach begriffen, dass das Familienleben nach Kabul anders aussieht als das davor: Umzug in eine neue, behindertengerechte Wohnung. Papa jetzt die meiste Zeit zu Hause, oft von Phantomschmerzen geplagt, worüber er ungern spricht.

Stefan D. und Tino K. wurden medizinisch bestens versorgt. Ihre Kameraden helfen, wo sie nur können. Trotzdem werden beide die Bundeswehr demnächst verlassen. „Ein Mann ohne Beine ist kein Soldat mehr“, sagt Stefan D. Eine nüchterne Feststellung, kurz vor seinem 40. Geburtstag, zwanzig Monate nach dem Anschlag in Kabul. 37º begleitet die beiden Freunde auf dem Weg in ihr „zweites Leben“. Der Film dokumentiert ihren Optimismus, aber auch die enormen tagtäglichen Anstrengungen, die nötig sind, um mit dem Attentat und seinen Folgen fertig zu werden.

 

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Nachtrag:
Die ursprünglich verlinkten Seiten zur 37 Grad-Sendung existieren in der ZDFmediathek leider nicht mehr.

 

S. a. Artikel vom 01. Dezember 2006:
Ein Jahr danach: Im Gespräch mit den Anschlagsopfern von Kabul

 

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