splash

Leben nach dem Anschlag

Veröffentlicht von HD am 20.07.2008
Leben Nach Dem Anschlag B1-264x400 in Leben nach dem Anschlag

Tino Käßner (links) und Stefan Deuschl vor der im Bau befindlichen neuen Schanze im Olympiastadion von Garmisch-Partenkirchen, Deuschls Heimatstadt

Sie waren Personenschützer in Kabul, Soldat mit Leib und Seele. Bis zum 14. November 2005: Ein Taliban-Terrorist hatte einen Verkehrsunfall provoziert und anschließend einen Sprengsatz gezündet. Sie verloren ihre Unversehrtheit und sind zeitlebens gezeichnet vom Dienst für ihr Land. Doch Hauptfeldwebel Stefan Deuschl und Oberfeldwebel Tino Käßner stürzen sich mit bewundernswertem Mut in ihr neues Dasein.

Von Marco Seliger

In der Nacht hat es den ersten Schnee in diesem Jahr bis hinunter nach Murnau gegeben. Nun klatschen dicke Regentropfen gegen die Fensterscheiben, der Wind weht das feuchte Laub aus dem nahen Wald herüber. Kein Wetter für ein gutes Freilufttraining. Tino Käßner hat das Rennrad deshalb in den Keller seines Hauses geschafft, das Vorderrad in einer Haltevorrichtung verankert, das Hinterrad steht in einem Rollentrainer. Der 33-Jährige steigt nach oben in den Schlafraum und zieht sich die Rennkleidung über. Auf dem Weg zurück in den Keller schaut er im Wohnzimmer vorbei. Seine Frau ruht mit der sieben Wochen alten Tochter Hanna. Sie sind sein ganzes Glück. „Ich gehe trainieren“, sagt er leise und schleicht sich aus dem Raum. Er sieht jetzt aus wie einer dieser Fahrer aus den Profirennställen: der Oberkörper kräftig, Arme und Oberschenkel muskulös. Er besteigt das Rennrad. Dort, wo am rechten Bein der Unterschenkel wäre, sitzt vom Knie an abwärts eine Hightech-Prothese, schwarz-rot-gold lackiert. Käßner befestigt sie mit geübtem Handgriff an der rechten Pedale, auf der linken Seite rastet der Rennfahrerschuh mit einem Klicken hörbar ein. „Olympia ruft“, sagt er und radelt los.

Leben Nach Dem Anschlag B2-303x400 in Leben nach dem Anschlag

Das Foto von Oberstleutnant der Reserve Armin Franz, aufgestellt zum Gedenkappell einen Tag nach dem Anschlag vom 14. November 2005 im Bundeswehr-Feldlager in Kabul

Stefan Deuschl lebt seit seiner Geburt in Garmisch-Partenkirchen. Über einem Einkaufsmarkt hat sich der 40-Jährige eine Wohnung gekauft: groß, geräumig und modern. Seine Frau Violetta arbeitet halbtags in einer Rechtsanwaltskanzlei, die beiden Söhne Henry und Robin sind in der Schule. Morgen Nachmittag wird er sie wieder zum Eishockey-Training fahren, sie spielen in der bayerischen Landesauswahl. Stefan Deuschl überlegt, ob er sich umziehen soll, ein Training mit dem Handbike könnte nicht schaden, meint er. Ein Blick aus dem Fenster auf den nahen Waxenstein überzeugt ihn vom Gegenteil. Oben auf dem Gipfel des Zweitausenders schneit es, unten im Tal peitscht der Wind Regen durch die Straßen. „Wenn ich jetzt rausfahre, sitze ich die ganze Zeit im Wasser. Das will ich mir heute nicht antun“, sagt Deuschl. Er hält kurz inne, denkt nach und äußert dann: „Morgen lasse ich das Rad in die Wohnung bringen. Dann wird auf der Rolle trainiert.“ Deuschl wendet seinen Rollstuhl, fährt zur Wohnungstür, öffnet sie mit der einen Hand, mit der anderen gibt er dem Gefährt Schwung, kurz zurück, dann wieder vor, und er ist aus der Tür. Auf dem Weg mit dem Fahrstuhl in den Keller hinab sagt er: „Für 2008 habe ich mir sechs Handbike-Marathon-Rennen vorgenommen. Dafür muss ich etwas tun.“

Am 14. November vor zwei Jahren beginnt im „Camp Warehouse“ in Kabul eine neue Woche. In einem gut geschützten Gebäude hält der Bundeswehr-Kommandeur die Morgenlage ab. Der Sicherheitsoffizier berichtet von den Anschlägen der Vortage, es habe afghanische Polizisten und eine ISAF-Patrouille erwischt. Dann warnt er vor Terroristen mit Autobomben. Das Übliche im Kabul dieser Tage. Seitdem sie hier vor vier Wochen eingetroffen sind, haben Hauptfeldwebel Stefan Deuschl und Oberfeldwebel Tino Käßner täglich damit zu tun. Nach dem Mittag treffen sie den Besucherbetreuer des deutschen Kontingents, Oberstleutnant Armin Franz, ein Reservist. Er bereitet die Visite einer Delegation aus Deutschland in Kabul am Wochenende vor. In der Stadt sind dazu Absprachen mit der örtlichen Polizei zu treffen. Franz und die beiden Feldjäger kennen sich von mehreren gemeinsamen Fahrten. Jeder weiß, was er zu tun hat, wenn sie in Kabul unterwegs sind. Die Lebensgefahr fährt ständig mit.

Leben Nach Dem Anschlag B3-400x195 in Leben nach dem Anschlag

Tino Käßner während eines Rennens bei den Bahnrad-Weltmeisterschaften der Behindertensportler in Bordeaux und vor dem Training auf dem Hometrainer in Murnau: "Mein Ziel sind die Paralympics London 2012"

Tino Käßner steuert den gepanzerten „Wolf“-Geländewagen um 14.15 Uhr aus der schwer gesicherten Feldlager-Einfahrt heraus und biegt auf die „Route Violett“ ein, wie die dicht befahrene Straße aus Richtung Jalalabad nach Kabul im NATO-Jargon genannt wird. Stefan Deuschl sitzt auf der Beifahrerseite, Armin Franz hat rechts auf der Rückbank Platz genommen. Trotz der angespannten Sicherheitslage sind sie ohne Begleitung unterwegs. Käßner fährt wie immer zügig und konzentriert. Nur kein langsames Ziel abgeben. Die drei Soldaten sind angespannt, sie sprechen kaum und beobachten die Umgebung. Nach zirka zehn Minuten erreichen sie den Stadtrand, hier trennen in einigen Metern Abstand voneinander aufgestellte Betonpfeiler die beiden Fahrspuren. Von der gegenüberliegenden Fahrbahn zieht plötzlich mit hohem Tempo ein weißer Toyota herüber, nimmt eine Lücke zwischen zwei Betonpfeilern und kracht frontal in die Seite des „Wolf“. Tino Käßner steigt auf die Bremse, der Wagen reagiert, dreht sich, prallt gegen einen Betonpfeiler und bleibt in Fahrtrichtung stehen. Die Airbags werden ausgelöst, die Gurte halten – die drei Soldaten sind unversehrt. Käßners Puls rast. Er blickt zu seinen Kameraden – und sieht in fragende, verunsicherte Gesichter. Sie schnallen sich ab, öffnen die Wagentüren und steigen aus. Armin Franz tritt aus der Tür, Stefan Deuschl steht auf der rechten Fahrzeugseite zwischen Beifahrertür und hinterer Tür. Tino Käßner nimmt sein Gewehr aus dem Wagen. Er blickt auf und sieht, wie der Toyota in wenigen Metern Entfernung hastig wendet. Während der Wagen kurz darauf mit kreischendem Motorgeräusch auf sie zu rast, erblickt Käßner einen Mann mit einer Paschtunenmütze auf dem Kopf hinter dem Lenkrad. Dann sieht er, wie ein Lächeln über das bärtige Gesicht hinter der zersplitterten Windschutzscheibe huscht. Käßner ist wie gelähmt, zu keiner Handlung fähig. „Hier läuft etwas schief“, denkt er nur. Und dann weiß er: „Der will uns.“

Leben Nach Dem Anschlag B4-150x120 in Leben nach dem Anschlag

Tino Käßner an einem gepanzerten "Wolf" der Feldjäger im Afghanistan-Einatz

Die Taliban haben am 14. November 2005 mehrere Selbstmordattentäter nach Kabul entsandt. Wandelnde Bomben, die eine griechische Patrouille treffen – und den „Wolf“ von Tino Käßner. Ehe die drei Bundeswehr-Soldaten zu einer Reaktion in der Lage sind, ist der Toyota herangerast. In seinem Fußraum detonieren zwölf Kilogramm Sprengstoff. Die gewaltige Explosion zerreißt den Wagen – und Armin Franz. Dann ist es still. Tino Käßner hört, wie Staub und Dreck niederregnen. Er ist bei vollem Bewusstsein, öffnet die Augen und sieht sich im Schmutz der Straße liegen. Die Beine schmerzen stark, er hebt den Kopf, schaut an seinem Körper hinab und erblickt den rechten Fuß in abnormaler Stellung. Er versucht aufzustehen, will sehen, was mit den Kameraden auf der anderen Seite des Wagens passiert ist. Es gelingt ihm nicht. Afghanen kommen gelaufen, umringen ihn. Einer nimmt seinen Kopf, hält ihn fest, redet auf ihn ein. Käßner versteht kein Wort. Sie wickeln ihn in eine Decke, tragen ihn zu einem Auto, heben ihn auf die Rückbank. Käßners Gedanken rasen: „Was haben sie mit mir vor? Nur nicht in ein afghanisches Krankenhaus.“

Leben Nach Dem Anschlag B7-150x120 in Leben nach dem Anschlag

Anschlagsort: "Mehrere Selbstmörder nach Kabul geschickt"

Britische Soldaten gelangen an den Anschlagsort und verschaffen sich Platz in der aufgeregten Menge. Sie holen Käßner wieder aus dem Wagen, legen ihn auf eine Trage, geben ihm eine Morphiumspritze und binden seinen rechten Unterschenkel ab. Er sagt: „Bringt mich ins Camp Warehouse.“ Doch die Briten verstauen ihn in ihrem Militärjeep und rasen in das nahegelegene Camp Phoenix der US-Truppen. Käßner wird sofort auf den OP-Tisch gelegt. Es muss schnell gehen, er verliert viel Blut. Die amerikanischen Sanitäter entkleiden ihn, legen Infusionszugänge und verkabeln ihn mit Geräten am Kopfende. Nach einiger Zeit sieht er einen Bundeswehrarzt in das Zelt treten, er unterhält sich kurz mit den US-Kollegen. Ein deutscher Oberfeldwebel tritt hinzu, Käßner kennt ihn aus dem Feldlazarett. Er legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt „Tino, es wird alles gut.“ Käßner verliert das Bewusstsein.

Ich gratuliere zur WM-Nominierung!“ Es ist Juni 2007 und Tino Käßner sitzt ratlos vor dem Computer. Was soll er von der E-Mail halten? Ein Fotograf des lokalen Tageblatts schickt sie, beide kennen sich. Käßner war mehrfach in der Zeitung abgebildet. Jeder in Murnau weiß von der grandiosen Blitzkarriere des unterschenkelamputierten Ex-Soldaten, die mit mehreren zweiten und dritten Plätzen bei den Deutschen Meisterschaften 2007 der Behindertenradsportler verheißungsvoll begonnen hat. Aber dass es gleich im ersten Leistungssportjahr zur WM-Teilnahme reichen soll, daran will selbst der ehrgeizige und stets optimistische Tino Käßner in diesem Moment nicht glauben. Am Mittag bringt der Briefträger das offizielle Schreiben vom Deutschen Behindertensportverband. Er sei für die Radsport-Weltmeisterschaften Mitte August in Bordeaux nominiert worden, heißt es darin. Käßner ist Mitglied der Nationalmannschaft und fassungslos glücklich darüber – auch wenn die Probleme jetzt erst anfangen. Seine Frau ist hochschwanger und ihr gemeinsamer Umzug in das gerade gekaufte Haus steht kurz bevor.

Der 19. August 2007 ist ein kühler, verregneter Sommertag in Bordeaux. Käßners WM-Premiere, erstmals im Nationaltrikot, er ist aufgeregt. In der Qualifikation für das 4000-Meter-Verfolgungsrennen auf der Bahn hat er Pech und zahlt Lehrgeld. Eine Unachtsamkeit – sein Gegner überholt ihn in der sechsten Runde – und das Rennen ist vorbei. An den folgenden WM-Tagen läuft es besser. Im Finale des Bahnsprints wird er Elfter, im Finale des Einzelzeitfahrens auf der Straße Dreizehnter. Zum WM-Ende ist sein Befund eindeutig: „Um ganz vorn mitfahren zu können, muss ich künftig professionell trainieren.“ Tino Käßner fasst einen Entschluss: „Mein Ziel sind die Paralympics in London 2012.“

Das neue Leben von Tino Käßner hat am Morgen des 19. November 2005, einem trüben Samstag, auf der Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses in Koblenz begonnen. Als er aus dem Koma erwacht, schälen sich drei Personen am Bettrand aus dem Dunstschleier vor seinen Augen. Käßner, in fünf Tagen Bewusstlosigkeit „abgemagert bis auf die Knochen“, erkennt seine Freundin Antje, seine Mutter und seine Schwester. Sie haben an seinem Bett gewacht, seitdem er am 15. November, einen Tag nach dem Anschlag, in Deutschland eingetroffen ist. Sie sagen ihm, dass der rechte Unterschenkel amputiert werden musste. Käßner reagiert gefasst. „Dass der nicht gut aussieht, wusste ich schon, als ich in Kabul auf der Straße lag“, sagt er. Auch am Bett neben ihm sieht er jemanden stehen. Er erkennt Violetta, die Frau von Stefan Deuschl. Sie schaut auf ihren Mann, für dessen Lebenserhalt noch saugende, piepende und pumpende Maschinen sorgen. Dort, wo sich im Bett gegenüber normalerweise die Beine hervorwölben müssten, liegt die Bettdecke glatt auf der Matratze. Tino Käßner schaut die Ärzte fragend an. Die Explosion, erfährt er, hat seinem Kameraden und Freund beide Beine weggerissen. Er lebt überhaupt nur deswegen noch, weil er im Schatten der hinteren Wagentür stand, die seinen Oberkörper vor der Explosionswelle schützte. Armin Franz indes hatte keine Überlebenschance. Käßner derweil stand im Explosionsschatten des „Wolf“. Die Detonationswelle bahnte sich unter dem Wagen ihren Weg und zerfetzte „nur“ seinen rechten Fuß und Unterschenkel. Die Psychologen sagen, dass es gut für ihn sei, nach der Explosion nicht auf die andere Seite des Wagens gelangt zu sein. Er hätte dort die möglicherweise lebenslang traumatisierenden Bilder der zerfetzten Leiber seiner Kameraden gesehen.

Leben Nach Dem Anschlag B5-328x400 in Leben nach dem Anschlag

Stefan Deuschl in seiner Wohnung in Garmisch-Partenkirchen: "Wäre es in Anbetracht der lebenslangen Behinderung nicht besser, ich hätte den Anschlag nicht überlebt?"

Drei Tage später erwacht auch Stefan Deuschl aus dem Koma. Seine Frau und die Söhne sind bei ihm. In Deuschls Gedächtnis sind die Ereignisse des 14. November ausradiert. Als er realisiert, was passiert ist, kommen die Fragen: „Ist mein Leben noch lebenswert? Wäre es in Anbetracht der lebenslangen Behinderung nicht besser, ich hätte den Anschlag nicht überlebt?“ Einen Tag vor Heiligabend kann er zusammen mit seinem Schicksalsgefährten Käßner das Bundeswehrkrankenhaus verlassen. Die Behandlung wird in Murnau fortgesetzt. Dort sind beide in der Nähe ihres Zuhauses, ihrer Familien, ihrer Freunde – ein wichtiges psychologisches Moment im Genesungsprozess. Doch auch in den schwierigen Wochen in Koblenz waren stets Verwandte, Freunde und Kameraden bei ihnen. „Wir brauchten nur daran zu denken, und schon stand eine Cola oder eine Pizza an unserem Bett“, erinnert sich Stefan Deuschl. Nie, sagt er ganz ohne Pathos, habe er größere Kameradschaft in der Bundeswehr erfahren als in der ersten Zeit nach dem Anschlag. Doch noch während er in Koblenz behandelt wird, reift sein Entschluss, die Bundeswehr zu verlassen. Er ist Berufssoldat, er liebt diesen Beruf und müsste nicht gehen. So ist es im neuen Einsatzweiterverwendungsgesetz geregelt. Er könnte in der Kaserne einen Bürojob machen, aber das kommt für ihn nicht in Frage. „So, wie ich jetzt bin, hat das nichts mehr mit Soldatsein zu tun“, sagt er. Deuschl will einen Schlussstrich ziehen unter sein bisheriges Leben. In den täglichen Gesprächen von Krankenbett zu Krankenbett tauscht er sich darüber mit Tino Käßner aus. Auch der gebürtige Chemnitzer will die Armee verlassen. Beide sind durch ihre Pension und Versicherungspolicen finanziell abgesichert. „Meine Beine und die Bundeswehr“, sagt Stefan Deuschl, „gehörten zu meinem alten Leben. Am 14. November 2005 hat ein neues begonnen.“

Dieses neue Leben steht lange auf der Kippe. Im Koma habe er, berichten die Ärzte Deuschl später, wie ein Löwe um sein Leben gekämpft. Im Unterbewusstsein spürte er die Anwesenheit seiner Frau und der beiden Kinder, sie hätten ihn stark gemacht. Auch heute ist die Familie sein großer Halt. Und sie ist seine Verantwortung, seine Aufgabe – doch auch sein Leid. „Die Jungs“, sagt Stefan Deuschl, „würden mit dem Papa eben gern auch mal wieder Eishockey spielen und sich mit ihm auf dem Boden kabbeln. Das geht leider nicht mehr, und das macht uns alle nicht glücklich.“ Doch Henry und Robin wissen sich mit der neuen Situation des Vaters durchaus zu arrangieren. Im Kunstunterricht sollte Henry vor kurzem ein Bild zum Thema „Wo Engel wohl helfen“ malen. Er wählte eine Szene des Anschlags in Kabul und ergänzte die Worte, es müssten wohl viele Engel gewesen sein, die den Papa dort beschützt hätten. „Ja, das Leben ist auch ohne Beine lebenswert“, sagt Stefan Deuschl und blickt auf die Zeichnung.

Leben Nach Dem Anschlag B6-400x268 in Leben nach dem Anschlag

Gedankenaustausch über Deuschls Handbike hinweg: "Es müssen wohl viele Engel gewesen sein, die den Papa in Kabul beschützt haben"

Er hat sich in diesem Frühjahr ein „Handbike“ gekauft, ein spezielles Fahrrad, das per Armkraft betrieben wird. Er will sich bewegen und Sport treiben – quasi als Selbsttherapie. Früher spielte er Eishockey und fuhr Ski. Jetzt muss er die Sportarten, die einem Rollstuhlfahrer möglich sind, neu erlernen und komplett andere Muskelgruppen als früher trainieren. Das braucht Zeit. In Bünde tritt er im Juni 2007 zu den Deutschen Radmeisterschaften der Sitzendsportler an, sein erstes großes Rennen als „Handbiker“. Ihm geht es nicht ums Gewinnen, er will die Gegner kennenlernen und mit Seinesgleichen ins Gespräch kommen. Er erzählt ihnen von dem Anschlag in Kabul. Einige Fahrer kennen ihn aus dem Fernsehen – er trat mit seiner Frau im Frühjahr bei „Stern-TV“ auf – und zeigen sich betroffen. Andere vergleichen sein Schicksal mit dem eines Arbeitsunfallversehrten – „Berufsrisiko eben“. Deuschl empfindet diese emotionale Distanz als angenehm, schlimmer seien für ihn die Menschen, die Mitleid zeigten. „Das kann ich nicht ertragen.“ Das Meisterschaftsrennen beendet er im Mittelfeld, die Spitze ist noch zu stark. In diesem Jahr will Deuschl vorn mitfahren. Er träumt von großen Wettkämpfen.
Doch einstweilen kämpft er vor allem gegen die Phantomschmerzen. Sie fühlen sich, sagt Deuschl, wie ein leichter, ziehender Zahnschmerz an, nervig, aber auszuhalten. Doch wenn das Wetter wechselt, peinigen sie ihn wie Messerstiche – und er meint dann manchmal, er habe noch Beine und Füße. Es sei in diesen Fällen so, als ob die Füße ohne Socken in zu engen Stiefeln steckten: reibend, brennend, stechend. Der Schmerz ist ein ständiger Begleiter. Immerhin, sagt Deuschl, hätten die heftigen Schmerzattacken aufgehört, die ihn in der ersten Zeit nach dem Anschlag regelmäßig quälten. Doch die Schmutzpartikel und die Splitter, die die Explosion vor zwei Jahren tief in die Stümpfe der Beine geblasen hat, bleiben ein dauerhaftes Problem. Sie sind Entzündungsherde, die Ärzte können sie nicht entfernen, und jede Krankheit oder Operation, die in Nachbereitung der Amputationen künftig noch fällig ist, wird für Deuschl zur Lebensgefahr. „Ich muss gesund bleiben“, sagt er lapidar. Doch sein Körper streikt. In den Stümpfen bilden sich zu viele Wucherungen im Knochengewebe. Demnächst steht wieder eine Operation an. Die wievielte weiß er nicht mehr.

Leben Nach Dem Anschlag B8-400x400 in Leben nach dem Anschlag

Der gepanzerte "Wolf" der Personenschützer fuhr vom Feldlager "Camp Warehouse" die Hauptstraße Richtung Innenstadt von Kabul, passierte Camp Phoenix der US-Truppen auf der rechten Straßenseite und wurde einige hundert Meter dahinter von einem Wagen gerammt. Anschließend zündete der Attentäter den Sprengsatz.

Vor sieben Jahren gab es in Chemnitz keine Arbeit für den Gas-/Wasser-Instalateur Tino Käßner. Die Armee war seine einzige Berufschance. Am 1. Juli 2000 trat er seinen Dienst in der 5. Kompanie des 451. Feldjäger-Bataillons in Murnau an. Er wurde der Schicht von Stefan Deuschl zugeteilt. Der Hauptfeldwebel verstand sich als Mentor des sieben Jahre jüngeren Kameraden, er bildete ihn im Feldjägerwesen aus und empfahl ihn für die Spezialausbildung zum Personenschützer. Sie freundeten sich an, nach Dienstschluss gingen sie gemeinsam ins Kino oder sie fuhren Rad. Ihre Wege trennten sich, wenn sie ins Ausland mussten: Deuschl ins Kosovo, Käßner nach Afghanistan. Die Risiken und Gefahren ihres Jobs kannten sie gut. Im Dezember 2004 kam Käßner von einem viermonatigen Einsatz aus Kunduz zurück, er hätte ein Jahr Einsatzpause gehabt. Doch sechs Monate später zog ihn der Freund zur Seite. „Begleite mich im Herbst nach Kabul“, bat Stefan Deuschl. Er hatte den Auftrag, ein sechsköpfiges Personenschutzkommando aufzustellen. Käßner sagte zu. Es sollte ihr erster gemeinsamer Einsatz werden. Und der letzte.

 

Autor: Marco Seliger, loyal – Magazin für Sicherheitspolitik, Januar 2008

 

Weiterveröffentlichung des Artikels „Leben nach dem Anschlag“ mit freundlicher Genehmigung des Autors, Herrn Marco Seliger.

Ähnliche Beiträge
Veröffentlicht in Kameraden

Kommentar

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.