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Die seelische Verwundbarkeit – Feldjäger-Ermittler im Kosovo

Veröffentlicht von HD am 28.05.2012

Vorwort militarypolice.de

Am 22. Dezember 2001 verabschiedete der Deutsche Bundestag das erste Afghanistan-Mandat. Mit bis zu 1.200 Soldaten durfte sich die Bundeswehr an der internationalen Schutztruppe ISAF beteiligen, um im Auftrag der Vereinten Nationen „die vorläufigen Staatsorgane Afghanistans bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Kabul und seiner Umgebung so zu unterstützen, dass sowohl die vorläufige afghanische Regierung als auch das Personal der Vereinten Nationen in einem sicheren Umfeld arbeiten können“.
Am 02. Januar 2002 trafen die ersten deutschen ISAF-Kräfte in Kabul ein.

Nach über 10 Jahren Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mit all den Entwicklungen des Einsatzes und den daraus resultierenden Risiken für und Anforderungen an die Bundeswehrsoldaten, die in Fragmenten den Medien zu entnehmen sind, ist die „Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)“ kein unbekannter Begriff mehr.

Als vor zehn Jahren der Einsatz in Afghanistan begann, hatte die Bundeswehr schon Erfahrung mit Kampfeinsätzen im Ausland. Dennoch dauerte es viele Jahre, bis die Politik verstand, dass diese Einsätze für die Soldatinnen und Soldaten sehr bittere Folgen haben können. Im Bundestag hatten selbst die Abgeordneten im Verteidigungsausschuss lange keinen blassen Schimmer von posttraumatischen Belastungsstörungen.
Omid Nouripour ist Bundestagsabgeordneter der Grünen, Sprecher für Sicherheitspolitik und Obmann im Verteidigungsausschuss. Wann er zum ersten Mal von Posttraumatischen Belastungsstörungen gehört hat? „Im Zusammenhang mit Soldaten und Bundeswehreinsätzen, vor vier Jahren vielleicht.“

Auszug aus „Politik nahm seelische Wunden lange nicht ernst“ (25.01.2012, tagesschau.de)

Nur allzu schnell wird vergessen, dass entgegen der Entwicklung des ISAF-Einsatzes die ersten deutschen Kontingente im Kosovo die „schwierigste“ Zeit zu Beginn des Einsatzes hatten, vor allem im Hinblick auf die – wie exemplarisch oben dargestellt – späte Wahrnehmung posttraumatischer Belastungsstörungen bei Soldaten in Politik und Gesellschaft.

Der Artikel „Die seelische Verwundbarkeit“ (Berliner Zeitung, 02.11.1999) gibt einen Einblick in die damaligen Tätigkeiten der Feldjäger im Kosovo VOR der Zeit der Feldjäger-Spezialisierung „Ermittler SK“ und den Umgang der Bundeswehr mit der Problematik „psychische Folgeschäden“.

Carsten P.: „Wenn ich heute Psychologen davon erzähle und die Bilder zeige, sind die betroffener als ich.“

 


 

Die seelische Verwundbarkeit

Soldaten mussten im Kosovo Gräber sichern und Tote bergen – Mit einem Netz von Maßnahmen will die Bundeswehr Schäden abwenden.

VEITSHÖCHHEIM, im November. „Wenn ich an diesen Einsatz denke“, sagt Oberfeldwebel Carsten P., „dann werde ich nie das junge Mädchen vergessen, das nackt und mit abgehackten Armen auf der Wiese lag.“ Es war nicht die einzige Leiche, an die sich der Bundeswehr-Feldjäger erinnert. Wann immer im deutschen Sektor im Kosovo Massengräber oder Tote gemeldet wurden, ist Carsten P. mit seinem Team ausgerückt. Er hat die Leichen registriert und untersucht. Er hat Verbrannte identifiziert und Verstümmelte fotografiert. Und er hat Geschichten gehört, die man besser nicht noch einmal erzählt. Vier Monate ist das jetzt alles her, aber die Erinnerung daran lässt ihn nicht los.

Der 28-jährige Zeitsoldat sitzt in seiner Kaserne bei Würzburg und blättert in einer Schulungsmappe über „Tatortarbeit“ im Kosovo. Mit seinem bayrischen Akzent sagt er: „Irgendjemand musste es tun. Und ich konnte es.“ Er musste sich eben nicht übergeben, wie es Kameraden taten, wenn verkohlte Körper grotesk verschmolzen waren, wenn auf einem Feld verweste „Teile“ lagen oder eine Grube grausige Geheimnisse preisgab. „Ich habe in drei Wochen 340 Leichen registriert und 19 Massengräber untersucht. Manchmal musste ich anhand der Schädel schätzen, wie viele Tote da lagen.“ Er sagt es, als wäre es das Normalste von der Welt.

 

Reden über das Unfassbare

Vielleicht kann Carsten P. so gefasst über das Unfassbare reden, weil er schon oft über seine Erfahrungen gesprochen hat. Und weil er weiß, dass es gut für ihn ist, darüber zu sprechen.

„Eigentlich sind wir praxisnah auf den Einsatz vorbereitet worden“, sagt der Oberfeldwebel. „Aber ein paar Übungsleichen können eben keinen Eindruck von der Realität vermitteln.“ Als Militärpolizist hat P. eine umfassende Ausbildung für den Auslandseinsatz erhalten. Er hat gelernt, wie man Minen erkennt, Dörfer sichert und sich bei Geiselnahmen verhält. Er hat die polizeiliche Arbeit trainiert: Verkehrsdienst, Personenschutz, Tatortanalyse. Und im Stress-Training hat er von Albträumen, von Angst- und Panik-Attacken gehört. Er wusste, dass bei solchen Einsätzen nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche schwer verwundet werden kann.

Als die KFOR-Schutztruppe im Juni von Mazedonien aus in das Kosovo einrückte, war P. dabei und sicherte mit anderen Feldjägern den Bundeswehr-Konvoi. „Man war gespannt, was uns dort erwartete“, sagt er. Schon der erste Auftrag in Prizren war von einer Art, auf die man den jungen Mann so nicht vorbereitet hatte. „Wir hatten gerade ein paar Stunden geruht, da hieß es: Massengrab bei Velika Krusha.“ Und so fuhr er hinaus zur „Tatortarbeit“, wie später noch so oft. In Velika Krusha hatten serbische Militärs 45 Dorfbewohner massakriert, die Leichen in einen Schuppen gebracht und angezündet. P. ließ das Gelände sichern und nach Minen absuchen, dann machte er sich an die Arbeit: Leichenteile zuordnen, Spuren sichern, Zeugen befragen. Neben ihm stand sein Freund Bernd K., ebenfalls Bayer, und wie P. Oberfeldwebel. Es war reiner Zufall, dass es P. und K. traf. „Wir konnten es aushalten, und die anderen waren ganz froh darüber“, erzählt der Soldat. Irgendwann machten ihnen die vielen Leichen auch nichts mehr aus. „Nur an den Geruch“, sagt P., „habe ich mich nie gewöhnt.“ Im Kosovo roch es nach Verwesung, überall. Körper faulten in der heißen Sonne; Körper von Rindern, Schafen und Menschen. „Wir konnten die Leichen riechen“, sagt P. Anfangs nahmen sie Kaugummi, dann Pfefferminzöl. Träufelten es auf ihre Kleidung, verspritzten es im Auto. „Es nützte alles nichts. Wir sind den Geruch nie losgeworden.“

Je mehr Flüchtlinge zurückkehrten, desto mehr Tatorte wurden gemeldet. „Wenn wir unterwegs waren, kamen sie aus allen Häusern gestürzt und erzählten: Da und da liegt einer.“ Die eigentlichen Massengräber ließen P. und K. bald schon unangetastet, sie notierten dort nur noch die Namen von Zeugen. „Wir sollten vor allem offen liegende Leichen bergen, wegen der Seuchengefahr.“ Soweit es ging, identifizierten sie die Toten und verständigten Verwandte, um sie zu bestatten. Häufig handelte es sich um „frische Tatorte“, wie P. es nennt. „Das waren meistens Serben.“ Er erinnert sich auch an einen toten Albaner, „so 45 Jahre alt da dachte ich plötzlich: Das könnte ja dein Vater sein. Da habe ich kurz mit meinem Kameraden über meine Gefühle gesprochen, und da war es dann auch schon ein bisschen verarbeitet.“ Man war neutral P. wurde klar, wie wichtig es war, mit K. ständig über das Erlebte zu sprechen. „Insofern war es gut, dass wir uns schon so lange kannten.“ Die beiden hielten sich auch weitgehend an einen zweiten Grundsatz. „Niemals über Schicksale nachdenken!“ Aber zum Grübeln seien sie sowieso kaum gekommen. „Man ist ja den ganzen Tag herumgehetzt, von einem Tatort zum anderen.“ Über die Mörder hat er nicht weiter nachgedacht. „Das war nicht unsere Aufgabe.“ Ebenso wenig kam ihm in den Sinn, Partei zu ergreifen. „Man war neutral“, sagt er, „wir waren da, um den Frieden sicher zu stellen.“ So hat er sich seelisch abgeschirmt.

Ein Erlebnis hat ihn dann aber doch sehr berührt. „Eines Tages kam eine Frau und meldete uns den Verlust ihrer Eltern. Da erinnerte sich mein Chef daran, dass das mit Vermisstendaten zusammenpasste.“ P. blättert in seiner Mappe und zieht eine Klarsichthülle mit Fotos einer verbrannten Leiche hervor: „Das ist die tote Mutter der Frau. Wir haben die Bilder dann ihrem Mann gezeigt. Und der hat sie identifiziert.“ Als das geschah, brach die Frau zusammen. „Plötzlich bekam die Leiche ein Gesicht“, erinnert sich P.
„Da ist einem das Ganze schon näher gegangen, als man eigentlich wollte.“ Es war jener Moment, vor dem die Experten gewarnt hatten. Der Moment, wenn Knochen plötzlich eine menschliche Dimension erhalten. In solchen Situationen kann es zu einer Traumatisierung kommen. „Es ließ sich eben nicht völlig vermeiden, eine persönliche Beziehung zu Opfern aufzubauen“, sagt Carsten P. Trotzdem ist er sich sicher, dass er keinen Psychologen braucht.
„Wenn ich heute Psychologen davon erzähle und die Bilder zeige, sind die betroffener als ich.“

Drei Wochen haben Carsten P. und Bernd K. ihre Arbeit im Kosovo verrichtet. Wie hält man das aus?
„Reden, reden, reden, das ist die richtige Strategie“, bestätigt Norbert Kröger, klinischer Psychologe im Bundeswehr-Krankenhaus Berlin-Mitte. Auf den Schultern des 54-Jährigen ruht ein großer Teil des psychologischen Vor- und Nachbetreuungsprogramms der Bundeswehr in den neuen Bundesländern. „Ich habe gerade 25 Seminare in 20 Tagen durchgezogen“, sagt der energische Therapeut. Bis zum Somalia-Einsatz 1994 habe Psychologie bei der Bundeswehr „keine Rolle gespielt“, erklärt der Psychologe. „Dann hat man erkannt, dass es da ein Problem gibt“ psychische Folgeschäden stressiger Einsätze. In Extremfällen, so zeigen Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg ebenso wie aus Katastrophen wie in Eschede, erleidet etwa ein Drittel der Zeugen eine schwere Traumatisierung.
Hilfe bietet eine sofortige Psycho-Intervention, das so genannte Debriefing, das bei der Bundeswehr nach belastenden Ereignissen inzwischen Pflicht ist. Dabei setzt man sich unter Anleitung eines Psychologen in kleinen Gruppen zusammen und arbeitet das Ereignis Schicht für Schicht noch einmal durch. Jeder erzählt, was er erlebt und gefühlt hat. „Die Leute lernen dabei, dass sie eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis zeigen“, sagt Kröger. „Nach einem Debriefing sind fast alle beschwerdefrei.“

Beispiel Sarajevo: Nach dem Schießunfall von 1997, bei dem zwei Bundeswehr-Soldaten starben, wurden alle Zeugen sofort zum Debriefing beordert. Bislang musste keiner therapeutisch nachbehandelt werden. Aber es geht nicht nur um die nachträgliche Behandlung seelischer Schäden. Es geht auch um Vorsorge.
Das „Zentrum Innere Führung“ der Bundeswehr hat inzwischen ein psychologisches Programm entwickelt, das Kröger „einzigartig in der Welt“ nennt. So muss jeder Soldat wie P. und K. vor der Abreise das Seminar „Stress und Stressbewältigung“ besuchen, wo er erstmals von der Gefahr der Traumatisierung hört. Ein Netz von Maßnahmen soll den Soldaten anschließend helfen, eine seelische Verwundung zu erkennen: Truppenpsychologen, die ständig ansprechbar sind, Fragebogenaktionen und Nachbesprechungen während der Einsätze. Zudem müssen alle nach der Rückkehr ein „Re-Integrationsseminar“ besuchen. Unter Leitung eines Psychologen reden sie vier Stunden lang im kleinen Kreis über den Einsatz: Probleme, Erwartungen, Nachwirkungen. „Unser Programm scheint zu greifen“, resümiert Norbert Kröger. Bisher kennt der Psychologe „keinen einzigen Fall“ eines traumatisierten Soldaten aus dem Kosovo. Er sieht eher ein Problem für sich und seine Kollegen. Bald kommen 5 000 Soldaten zurück, die zumeist aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stammen. „Da rollen 200 Re-Integrationsseminare auf mich zu“, sagt er. „Wie soll ich die alle durchführen? Und wann?“

 

Nur entspannen

Carsten P. hat inzwischen an einem Re-Integrationsseminar für Feldjäger teilgenommen. „Viel gebracht hat es nicht“, meint er. Die anderen hätten dort von Problemen erzählt, „die mit Sicherheit nicht meine waren“. Ärger mit der Freundin und Ähnliches. Er selbst habe sich durch den Einsatz verändert, sagt der Oberfeldwebel, er sei nachgiebiger geworden. Er glaubt, dass ihm die Rückendeckung durch die Freundin, mit der er einen zweijährigen Sohn hat, sehr hilft. „Aber jetzt habe ich im Grunde die Sache für mich abgeschlossen.“ In Wirklichkeit ist „die Sache“ ein Teil seines Lebens geworden.
Vor kurzem wurde P. und K. für ihren Dienst im Kosovo die Medaille des Heeresführungskommandos verliehen. Darauf ist der Soldat stolz. Jetzt unterrichtet er Kameraden des nächsten Kontingents in der Tatortarbeit. „Ein dienstliches Muss“, erklärt er und blättert in seiner Mappe. Schaurige Bilder aus dem Kosovo: Verkohlte Köpfe, verstümmelte Gliedmaßen, blutige Ein- und Austrittswunden von Geschossen. „Anhand der Fotos kann ich ihnen zeigen, was man fotografieren sollte“, sagt P.
Seine Freundin würde er nicht in die Mappe blicken lassen. Als er zurückkam, wollte sie, dass er ihr von seinen Erlebnissen erzählt. Aber Carsten P. bat sie, nicht über Details reden zu müssen. Dann ist er mit Bernd K. in Urlaub gefahren, zwei Wochen Dominikanische Republik. Allein. Nur entspannen, in der Sonne liegen, Beach-Volleyball. Nicht an den Kosovo denken. „Aber plötzlich“, sagt P., „beim Tauchen habe ich auf einmal Angst gekriegt. Da sind die Bilder wiedergekommen.“ Er lächelt sein beherrschtes Lächeln. „Man wird sie wohl sein Leben lang nicht vergessen.“ Nächstes Jahr will er dennoch wieder in den Kosovo gehen. Er hat sich schon jetzt für den Einsatz gemeldet. Er sagt, das wäre abwechslungsreicher als der Dienst in der Kaserne.

 

Von Frank Nordhausen, Berliner Zeitung, 02.11.1999

Mit freundlicher Genehmigung  der Berliner Zeitung.

 


 

Nachwort militarypolice.de

Der Artikel „Die seelische Verwundbarkeit“ soll keinesfalls die Prävention, Betreuung und Behandlung erkrankter Soldaten seitens der Bundeswehr in Frage stellen.
Ebenso wenig ist die Verarbeitung des Erlebten der im Artikel genannten Kameraden exemplarisch für alle Soldaten.

Der Artikel ist aus dem Jahre 1999, die Bundeswehr hat seitdem die Einsatzvor- und nachbereitung und nicht zuletzt die Behandlung PTBS-erkrankter Soldaten weiter intensiviert.

Die Weiterveröffentlichung des Artikels „Die seelische Verwundbarkeit“ dient vielmehr der Darstellung der ersten Ermittler-Tätigkeiten weit über das bis seinerzeit Geforderte hinaus und natürlich auch den Umgang der betroffenen Kameraden mit dieser neuen Situation.

 

Informationen zum Thema PTBS und auch Hilfe erhalten Sie u.a. hier:

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